Ankunft am Zielort

»Also, nur damit ich das richtig verstehe. Ihr gaukelt der ganzen Welt vor, euer Vogel wäre eine ganz normale Standardausführung und um das nicht zu gefährden fliegt ihr immer getarnt durch die Gegend?«

»Nicht ganz Ben. Das ist immer abhängig vom Ziel. Landen wir irgendwo auf einem öffentlichen Flughafen, wenn wir zum Beispiel nach New York fliegen, dann geschieht das alles nach Vorschrift. Dann fliegen wir auch normalerweise nicht schneller als Mach 3. Aber in Fällen wie diesen hier, wo man auch am Ziel auf Diskretion Wert legt, da kann man solche Spielchen schon machen.«

Benjamin warf einen skeptischen Blick zu Mario. Jana erkannte das und reagierte sofort.

»Boah Kleiner. Jetzt überleg mal. Wir fliegen zu einer Einrichtung, die so geheim ist, dass wir damals zum Einsatz kamen, als die Luft gebrannt hat. Warum denkst du, rufen die uns? Weil da geheime Scheisse abgeht, von der die Öffentlichkeit nichts wissen soll. Ergo, die verschleiern natürlich auch, dass es den Laden überhaupt gibt und folglich werden die auch nichts den Behörden angeben, wenn wir mit dem Vogel da landen. Klar soweit?«

Benjamin verstand. Doch wieder stellte er sich die Frage, in was für eine Scheisse er da eigentlich geraten war. Geheime Flugzeuge, durchgeknallte Leute, die im Alleingang eine terroristische Insel infiltriert und dort ein Flugzeug geklaut hatten usw. Wieder war da der Gedanke an ein Koma, denn so etwas konnte es doch in Wirklichkeit überhaupt nicht geben. Allein Mario, der den Jungbrunnen entdeckt hatte und mittlerweile in die Wasserversorgung ihres Hauses geleitet hatte. Wie irre war das bitte?

Er hing noch seinen Gedanken nach, als Mario mit der Anflugcheckliste begann. Für Benjamin wirkte das total übertrieben, denn wie er vom Bordcomputer ablesen konnte, waren es noch über 300 nautische Meilen bis zum Ziel. Dennoch zog Jana die Schubkraftregler ganz zurück, was Teil der Checkliste war.

Einige Minuten später, die Checkliste war abgehakt, war Benjamin dann doch beeindruckt. Dieser Vogel glitt die verbleibende Distanz problemlos ohne Antrieb dahin, verlor dabei natürlich Geschwindigkeit und Höhe und bei etwa 30 nautischen Meilen unterschritt das Gefährt Mach eins. Die Höhe war auf unter 10.000 Fuss gesunken und Mario begann mit der Landecheckliste. Eines war klar. Diese Leute beherrschten ihr Flugzeug perfekt.

Also Mario die Anweisung gab, dass Visier der Nase zu senken, wurde dann aber doch gefunkt. Benjamin konnte nicht hören, was da ankam, doch verstand der Janas Antwort. Die meldete sich mit ihrem Namen, gab einen Code durch und wartete. Was sie als Antwort bekam, schien ihr aber nicht zu gefallen, denn sie wurde sofort vom Tonfall her aggressiv und erklärte eindringlich, dass sie auch problemlos dazu in der Lage sei, jenes Problem wieder hervorzurufen, weshalb sie damals in der Einrichtung aktiv gewesen war. Schon kam da die Landeerlaubnis.

Die Checkliste ging weiter. Erst wurde die Nase komplett abgesenkt, dann dass Fahrwerk ausgefahren. In Benjamin kribbelte es wieder. Irgendwie war es einfach aufregend, in dieser Kiste zu sitzen.

»Alter, soll das ein schlechter Scherz sein?«

Knurrte Viper, legte seine Hand auf die Schubkraftregler und gab etwas Gas. Sofort legte er das Flugzeug in eine Linkskurve. Benjamin bekam Panik.

»Was ist passiert?«

»Was passiert ist Kleiner? Ich habe eine Landebahn erwartet und keine 20 Meter Schotterweg!«

Jana lachte, während Viper den Vogel nun in eine Rechtskurve legte und anscheinend eine Schleife um die Landebahn flog. Benjamin hätte gerne das gesehen, was Viper in dem Moment sehen konnte, doch von seinem Platz aus war das nicht zu machen.

Viper hingegen sah sehr deutlich, dass er fette Bauchschmerzen zu erwarten hatte. Die Bahn war zwar natürlich länger als 20 Meter, schien aber trotzdem aus so etwas wie planiertem Schotter zu bestehen.

»Alter Jana! Hättest du das nicht vorher sagen können? Wie soll ich denn bitte da landen?«

»Ach, ist dem tollen Viper da etwa gerade ein Haufen ins Bein der Fliegermontur gerutscht?«

Viper wurde sichtbar ungehalten.

»Schwachsinn! Aber dir ist ja wohl klar, dass unser Vogel ganz schöne Stelzen hat. Da muss nur irgendwo eine zu unebene Stelle sein und uns reisst das ganze Fahrwerk ab!«

»Ist wohl doch kein so Burner der Vogel, nicht wahr? Oder sind einfach deine Fähigkeiten zu begrenzt?«

»Ich geb dir gleich begrenzte Fähigkeiten! Schnall dich an, die Nummer wird lustig!«

Mario schüttelte den Kopf. Er hatte irgendwann resigniert, dass man Viper nicht am Stolz kratzen durfte. Benjamin hingegen kämpfte tatsächlich mit einem Häufchen, was da in sein Hosenbein rutschen wollte. Auch ihm war klar, dass man so eine Kiste nicht mal eben auf einem Feldweg landen konnte. Inständig hoffte er, dass Viper auch wusste, was er da tat.

Während Viper den Vogel wieder in einen korrekten Anflug brachte, schien alles noch normal. Doch spätestens in dem Moment, wo er an das Deckenpanel griff und dort die Schubvektorsteuerung aktivierte, wurde es Benjamin wieder flau im Magen. Doch was dann kam schürte die Angst in Benjamin bis zum Maximum. Die Höhe sank, genauso wie die Geschwindigkeit. Alarmsignale gingen los, welche sowohl eine zu niedrige Flughöhe meldeten, wie auch ein bevorstehender Strömungsabriss. Immer weiter zog Viper die Nase nach oben und drückte die Schubkraftregler nach vorne. Am Steuerhorn hatte er deutlich zu kämpfen und schaute dabei immer wieder aus dem Seitenfenster.

Benjamin sah den Absturz schon vor sich. 20 Fuss zeigte der Höhenmesser und 100 Knoten konnten einfach nicht genug sein. Das konnte alles nur in einer Katastrophe enden. Einzig die Gelassenheit von Jana und Mario liessen ihn nicht panisch aufschreien und vom Ende brüllen.

Schliesslich der letzte Schock. Viper schaute nur noch durchs Seitenfenster, fuchtelte wild am Steuerhorn herum und hatte die linke Hand auf den Schubkraftreglern. Benjamin schloss in dem Moment mit seinem Leben ab, als Viper diese schliesslich komplett zurück zog. Das musste das Ende bedeuten.

Doch zu Benjamins Verwunderung gab es keinen Aufschlag. Okay, als das Fahrwerk den Boden berührte, war es wahrscheinlich schon deutlich in die Federung gedrückt worden, aber abgestürzt waren sie nicht.

Sofort zog Jana die Hebel für die Schubumkehr zurück, woraufhin Viper die Regler wieder nach vorne drückte. Es dauerte nicht lange, da senkte sich die Nase und man konnte deutlich hören, wie auch das Bugfahrwerk den Boden berührte.

Nun war Benjamin angenehm überrascht. Laut Anzeige war die Kiste nur noch etwas über 50 Knoten schnell und da war noch einiges an Landebahn übrig. Es schien ausgeschlossen, dass da jetzt noch ein Unglück passieren würde.

Tatsächlich dauerte es auch nicht mehr lange, da kam die Maschine zum stehen.

»Parken wir gleich hier, oder wo sollen wir hin?«

Zwei kleine Funksprüche von Jana später war die Lage klar.

»Wir bleiben hier. Bis auf weiteres sind keine andere Flugzeuge zu erwarten und die haben auch nicht wirklich Platz, um unsere Kiste irgendwo abzustellen.«

Sofort fing Mario mit der Checkliste für den Standby-Modus an. Die dauerte nicht lange und schon schnallte Viper sich ab.

»Geht doch. Warum hast du dann vorhin so Panik geschoben?«

»Ich hab doch keine Panik geschoben! Mir gefallen einfach so extreme Landungen nicht. Das sind alles unnötige Belastungen für die Maschine.«

Mario, der da was auf seinen Instrumenten schaute, hatte dazu auch etwas zu sagen.

»Die Belastungen waren nicht wirklich gross, muss ich sagen. Du hast uns wirklich sehr gut runter gebracht.«

»Mag ja sein Mario, aber normalerweise merkt man gar nicht, dass wir Bodenkontakt haben. Dagegen war das schon eine harte Landung.«

»Boah Alter. Ich sehe dich sprechen aber ich höre nur Mimimi. Wir sind unten, alles ist heil, was willst du mehr?«

Da musste Benjamin nachhaken.

»Ja, wir sind unten. Was ich mich jetzt aber frage, kommen wir auch wieder hoch?«

Nun lachte Viper wieder.

»Mach dir da mal nicht ins Höschen. Merk dir eins. Wenn man den Vogel irgendwo landen kann, dann kann man ihn auch definitiv wieder starten. Der hat mehr als genug Power.«

»Die, wenn ich bitten darf!«

Vipers Kopf kippte nach vorne. Offensichtlich war es ihm zu viel, dass dieser Vogel stellenweise so kleinlich war.

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