Ein ungeahntes Wochenende (Teil 11)

Es verging noch etwas Zeit, dann rollten die Autos der Freunde auf den Parkplatz und es wurde sich um den einwandfreien Zustand der Strecke gekümmert. Mario und Waldi tauschten dabei noch einen Sensor auf der Strecke aus, der am Vorabend hin und wieder komische Daten geliefert hatte, ansonsten war nicht viel zu tun.

Mit der Ankunft der ersten Teilnehmer erfüllte sich der Parkplatz auch wie gewohnt mit Musik der verschiedensten Richtungen. Die Autos kamen, wurden abgestellt und sofort öffneten die Fahrer die Motorhaube, den Kofferraum und was sonst noch einen Blick auf ihre Modifikationen gewährte.

Die Freunde nutzen die Zeit wie immer, um sich die Konkurrenz anzuschauen. Wirklich was neues war bislang nicht dabei, aber überall fanden sich neue, wenn auch oft kleine Updates an den Fahrzeugen. Nichts, was Amy und ihre Freunde besorgt hätte, doch zeigte sich immer wieder, mit wie viel Liebe zum Detail so mancher Schrauber da zu Werke ging.

Natürlich standen auch der Lori und der Lion möglichst offen auf ihren Plätzen. Aber auch der Garzella hatte mittlerweile sein Eckchen gefunden und zog, nach den Leistungen des Vorabends, so manchen Fahrer an, um sich die Kiste mal genauer anzuschauen. Wie immer war gerade der Lori mit seinen offenen Flügeltüren ein besonderes Highlight und das er, wie der Lion ja auch, auf Fragen anderer Fahrer mittlerweile selbst antworten konnte, war natürlich ein besonderes Schmankerl, was viele einmal selbst erleben wollten.

Kurz vor Beginn des Abends tauchten dann jedoch drei neue Fahrzeuge auf. Alle optisch und akustisch extrem böse gestaltet und sie kamen in Formation. Sprich, einer fuhr in der Mitte, die beiden Anderen Rechts und links versetzt etwas hinten dran. Genau so beanspruchten sie dann auch Platz auf dem Parkplatz, was eigentlich gegen die Gepflogenheiten sprach und Amy auf den Plan rief. Sie schickte sich an, den Neuen die allgemeinen Regeln der Lokalität zu erklären, als Viper sie aufhielt.

»Wo willst du hin?«

Amy schien verwundert.

»Na den Typen da erklären, dass sie sich nicht einfach kreuz und quer hier auf den Parkplatz stellen können.«

»Warte noch damit. Ich kenne solche Leute aus Brücken. Angeber, die als Crew unterwegs sind und die bösen Buben mimen. Lass sie machen. Ich wette, wir werden mit denen noch viel Spass haben!«

Amy zuckte mit den Schultern.

»Na wenn du meinst.«

In dem Moment kamen die drei Fahrer schon heran. Alle hielten Fahrzeugpapiere in der Hand und wollten damit wohl beweisen, dass ihre Fahrzeuge gültige Zulassungen hatten, was ja eine Voraussetzung für die Teilnahme an den Rennen war. Etwas bescheuert mutete es dabei dann aber an, dass alle drei dunkle Sonnenbrillen trugen und vom Look her so irgendwo in den 60er oder 70er hängen geblieben waren. Mit Pomade, oder einfachem Schmierfett nach hinten geschmierte Haare waren nur ein Zeichen dafür.

»Jo Mann. Papiere. Alles easy bei uns!«

Viper schaute Amy verwundert an, weil die Typen ihm die Papiere hinhielten und nicht Amy. Dabei war er, wenn man es streng nahm, auch nur ein Fahrer und hatte mit der Organisation nichts zu tun.

»Ähm, jo, Mann. Die müsst ihr aber ihr geben. Ich bin auch nur Teilnehmer.«

Die drei Typen standen genauso vor Viper, wie sie zuvor schon mit den Autos gekommen waren. Der in der Mitte, der von dieser Crew wohl den Anfänger spielte, drückte seine Sonnenbrille etwas nach unten und musterte Amy.

»Jo Mann. Die Braut gehört doch hinter den Herd. Wo finden wir denn den Mann, der hier das Sagen hat?«

Viper war belustigt. Er schaute sich um. Janine stand beim Lion und redete mit anderen Fahrern. Gleiches galt für Rebekka, die beim Lori stand. Schliesslich schaute er zum Kommandostand. Mario war tatsächlich eigentlich der einzige Mann, der offiziell etwas zu sagen hatte.

»Versuchs mal da am Kommandostand. Links der Kleine ist Mario.«

Der Typ rückte die Sonnenbrille wieder zurecht.

»Rock‘n Roll Baby!«

Sagte er, schnippte einmal und zusammen mit seinen Freunden tingelten sie zum Kommandostand.

»Was war das denn?«

»Tipp von mir. Mindestens einer der Typen wird den Lion nachher fordern. Da bin ich mir Absolut sicher. Schau das du unbemerkt ins Auto kommst. Der soll frühstens am Start sehen, wer da hinterm Steuer sitzt. Jetzt etwas ganz, ganz schweres für dich. Verlier das Rennen. Nur ganz knapp.«

»Hat dir Manfred was ins Essen gemischt? Ich verliere doch nicht gegen so eine Schmalzlocke.«

»Doch, tust du! Du musst dich dann zurück am Start aber volles Programm aufregen. Der wird natürlich einen auf dicke Hose machen und dir erklären, dass du nichts in einem Rennwagen zu tun hast. Forder ihn dann sofort zu einer Revanche. Die wird er natürlich ablehnen und leg dann die Papiere vom Lion hin.«

»Alter, hast du zu viel am Auspuff geschnüffelt? Ich setze doch nicht den Lion!«

Viper schüttelte den Kopf.

»Amy. Vertrau mir! Selbst wenn du alle drei Autos verschmelzen würdest, bräuchtest du für einen Sieg nicht einmal den Turbo. Ich sehe alleine von hier richtig viele Designfehler. Die sehen nur optisch gut aus. Drauf haben die nichts.«

»Meinst du etwa, ich hab Angst vor den Affen? Ich zerleg die mit einer Hand und wichs dir dabei noch einen. Aber denkst du ernsthaft, die haben keine Ahnung, was mein Lion drauf hat?«

»Haben die nicht. Sonst wüssten sie ja, dass du hier das Sagen hast und nicht ich. Jede Wette, die haben von den Rennen gehört und wollen jetzt hier einen auf Macker machen. Wahrscheinlich haben die nicht einmal Internet, weil es nicht zum Image passt.«

»Na, wenn du meinst. Aber warum soll ich mein Auto setzen?«

»Weil das ihn dazu nötigt, auch sein Auto zu setzen. Was denkst du wie blöd der schaut, wenn du schon im Ziel bist, bevor er in den dritten Gang geschaltet hat?«

»Und dann? Was soll ich mit der Karre machen? Ein Kinderkarussell eröffnen?«

»Ach was! Dem wird die Niederlage und der Verlust schon richtig wehtun. Aber, was dem noch mehr Schmerzen bereiten wird ist, wenn du ihm seine Papiere wieder hinhältst und sagst, er bekommt sie wieder, wenn er öffentlich zugibt, dass Frauen als Rennfahrer genauso gut sein können wie Männer.«

Amy bekam Glühen in die Augen.

»Sag das doch gleich! Da bin ich natürlich sofort dabei!«

Viper grinste.

»Na also, geht doch!«

Die Rennen begannen und alles blieb wie gehabt. Viel Aufregung und Spass lag in der Luft und wie gewöhnlich blieb alles friedlich. Eine gigantische Party unter Gleichgesinnten, genauso, wie es sein sollte.

Dann startete jedoch einer dieser drei Kerle. Nicht der Chef, sondern einer seiner Flügelmänner und gefordert war der Garzella. Perry und Donald knobelten, wer dieses Rennen bestreiten sollte und Perry gewann. Es ging an den Start, während die Freunde gespannt auf dem Parkplatz standen und zuschauten. Ein bislang unbekanntes Mädel gab den Start. Sie konnte optisch keines Wegs mit den Mädels aus AAA oder aus Neunburg mithalten, aber sie strahlte eine unglaubliche Selbstsicherheit aus, was sie in gewisser Hinsicht sehr attraktiv machte. Zwar bewegte sie sich nicht so ausschweifend wie Amy und Co, doch was sie vollführte war dennoch hoch erotisch.

Als es schliesslich los ging, zeigte Perry eindrucksvoll, was der Garzella mittlerweile drauf hatte. Sein Gegner schien zwar auch Power zu haben, doch musste der sich quasi durch die Luft quälen. Für Viper war das klar. Die Anbauten, Verbreiterungen und Spoiler sahen war echt gut aus, doch waren sie funktionell eher hinderlich. Die bullige Verbreiterung der Hinterachse mit den riesigen Lufteinlässen mussten die Kiste einfach ausbremsen und der Heckspoiler drückte das Fahrzeug nach dem Start massiv in die Federn, was natürlich ebenfalls eine Bremswirkung hatte. Zudem konnte Viper am Sound erkennen, dass da bestenfalls ein 16V am Werk war. Was sollten vier auf Sound abgestimmte Zylinder denn gegen die zwölf sauber getunten Gegenstücke im Garzella ausrichten? Nichts! Weder war Perrys Sieg überraschend, noch musste er sich besonders anstrengen. Er gewann locker mit zwei Wagenlängen Vorsprung und stand schon, als sein Kontrahent in seinen letzten Gang schaltete.

Trotzdem freute sich Katja riesig. Ihr Mann hatte gewonnen und das souverän. Egal, ob sein Gegner eigentlich keiner war. Sie war Stolz auf ihren Ehemann. So ein bisschen schwang da aber auch der Stolz mit, dass sie die einzige Frau unter den Freunden war, die wirklich einen Ehemann hatte. Auch so ein Punkt, den sie nie für möglich gehalten hatte. Sie war stolz und glücklich darüber, dass sie verheiratet war. Wie sich die Zeiten doch geändert hatten.

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