Die Tests gehen weiter

Quantifizierung. Dieses Wort hörte man nun oft, wenn man sich in der Nähe von Mario und Waldemar befand. Es ging dabei darum messen zu können, wie viel Schatten da nun in der Box eingestellt war. Eine solche Messung konnte gleich mehrere Fragen beantworten. Vervielfältigte sich der Schatten? Starb er vielleicht mit der Zeit ab?

Nur, wie misst man einen Schatten? Der war ja ständig in Bewegung. Elena hatte dann die zündende Idee. Wie wäre es denn ganz banal mit einem Foto gewesen? Darauf hätte man diesen Schatten doch vermessen können. Mario fand die Idee auch prinzipiell gut, nur machte er sich Sorgen darüber, dass man bei einem Foto vielleicht eine der Bewegungen mit fotografieren würde, was das Ergebnis verfälscht hätte.

Waldemar war natürlich wieder unglaublich stolz auf seine Flamme. Er begrüsste sowohl die Idee, wie auch ihren Intellekt. Auch hatte er eine Möglichkeit im Kopf, wie man trotz Bewegung ein Bild hätte machen können. Mit einer High-Speed-Kamera. Nur, gab es im Krankenhaus eine?

Am frühen Nachmittag trafen sich alle in der Kommandozentrale. Dort wurden die einzelnen Ergebnisse besprochen. Dabei stellte sich leider schnell heraus, so toll die ganze Forschung bisher war, mit den Ergebnissen konnte niemand wirklich etwas anfangen. Was nützte es schon in freier Wildbahn, wenn man Schatten einsperren konnte? Es war nicht möglich, eine grosse Anzahl von Käfer in einen hermetisch abgeschlossenen Behälter zu locken. Zumindest gab es keinen, der gross genug gewesen wäre.

Auch das mit den Hormonen war zwar eine tolle Idee, der Effekt war aber zu kurzlebig, um wirklich von Nutzen zu sein. Folglich musste für beide Fälle etwas entwickelt werden, womit man es auch produktiv einsetzen konnte. Nur was?

Waldemar trug voller Stolz vor, dass seine Freundin eine geniale Idee zur Quantifizierung des Schatten hatte. Fügte aber hinzu, dass diese Idee an mangelnde Ausrüstung krankte. Kim hatte dafür die Lösung parat. In ihrem Hubschrauber gab es eine High-Speed-Kamera. Sie mussten also nur diese Box vor diese Kamera bringen, einen Hintergrund aufstellen, dann war eine Serie von Fotos kein Problem.

Das war auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Dennoch war da immer noch das Problem, die Freunde konnten die Schatten vollständig aus dem Gehirn eines Befallenen vertreiben. Aber nur für kurze Zeit. Sie mussten den Schatten aus den Menschen heraus kriegen!

Es wurde viel diskutiert und immer rannte man in das gleiche Problem. Die Schatten liessen sich eben nicht einfach so aus husten. Wenn das möglich gewesen wäre, dann hätte schon beim normalen ausatmen ein Teil des Schattens sich zumindest bewegen müssen. Der verharrte jedoch an Position.

Derzeit wirklich nutzbringend schien zu sein, dass Mario und Waldemar weitere Experimente mit dem gefangenen Schatten durchführen würden. Die Frage war, konnte man den Schatten vielleicht absaugen? Wie konnte man ihn beeinflussen, oder gar vernichten?

Natascha wollte hingegen mit den Gefangenen noch experimentieren. Gab es noch Mittel und Wege, dem fliehenden Schatten ein bestimmtes Organ besonders schmackhaft zu machen, oder ihn vielleicht in die Extremitäten zu locken? Amputation war zwar ein Mittel mit dem Holzhammer, aber so wäre das Opfer wenigstens den Schatten losgeworden. Natascha war jedoch der Meinung, ein solches Mittel wäre ausschliesslich die letzte Option.

Maia stellte dabei eine höchst interessante Frage. Liess sich denn irgendwie abschätzen, was mit den verteilten Schatten passieren würde, wenn der Mutterschatten ausgeschaltet war? Beantworten konnte es niemand und die aufgestellten Vermutungen reichten von, dass alle Schatten verenden würden bis hin zu, aus den Schatten würde ein neuer Mutterschatten entstehen. Das komplette Spektrum war also möglich.

Schliesslich brachte Perry eine neue Idee ins Spiel. Die war zwar wenig nutzbringend für die Bekämpfung, dafür hoch interessant, was das Aufspüren anging. Ganz klar war, so ein Schatten war absolut schwarz. Schwarz ist jedoch keine Farbe, sondern eine Helligkeitsstufe. Sprich, die Schatten emittierten schlicht und ergreifend kein Licht. Doch galt das für alle elektromagnetischen Wellen? Wenn ja, dann hätte man doch einfach die ganze Umgebung massiv ausleuchten können und die Regionen, die trotzdem absolut schwarz waren, mussten dann logischerweise Schatten sein.

Dem wollte sich Jana widmen. Zur Ausrüstung des Hubschraubers gehörten schliesslich nicht nur Restlichtverstärker. Da gab es auch diverse andere Möglichkeiten, wie man ein Gebiet ausleuchten konnte. Infrarot zum Beispiel. Aber auch Wärmebildkameras waren vorhanden. Damit konnte man dem Schatten doch zu Leibe rücken.

In dem Zusammenhang meldete sich dann auch Claudia. Sie stellte die Frage, wie denn so ein Schatten auf Strahlung reagieren würde. Röntgenstrahlung schien ja nichts auszumachen, aber, wie war es mit stärkeren Strahlungsquellen?

Es gab also einiges zu untersuchen und die Arbeit begann sofort. Einer, der sich vornehmlich zurück hielt, war Pascal. Er hörte fast nur zu und machte sich Notizen. Donald gefiel das nicht. Dieses Schweigen konnte er nicht einordnen.

Schon eine Stunde später stand die Box mit dem Schatten vor dem Hubschrauber. Die Rückseite wurde einfach mit weissem Papier beklebt, dann startete die Fotoserie. Mario trieb das Spiel dann sogar weiter. Er trainierte die KI des Flugzeugs so, dass sie automatisch die Fläche des Schattens berechnete und eine Grössenveränderung meldete. Kim war begeistert. Nicht nur, dass sich der Computer des Flugzeugs so nahtlos in ihren einfügte, nein auch Marios Schnelligkeit faszinierte sie sehr.

Jana begann mit ihren Experimenten mit den verschiedenen Optiken. Genau genommen fiel der Schatten bei allen auf, ausser bei dem Restlichtverstärker. Da war der Schatten überhaupt nicht zu sehen. Infrarot brachte hingegen das beste Ergebnis. Während alles in irgendeiner Form grau war, war der Schatten tief schwarz und grenzte sich hervorragend vom Rest der Umgebung ab. Zu gerne wäre Jana daraufhin mit dem Hubschrauber gestartet, um die Gegend abzuleuchten, der war jedoch derzeit nicht abkömmlich, wegen der High-Speed-Kamera, welche man leider nicht ausbauen konnte. Zumindest nicht ohne weiteres. Also setzte sie sich das portable Gerät auf, nahm einen sehr starken Infrarotstrahler und ging zum Rand des Dachs. Als sie damit in die Gegend leuchtete, war sie schockiert. Überall um das Krankenhaus herum, so weit der Strahler das ausleuchten konnte, waren Schatten. Das ganze Gebäude war umstellt!

Auch Natascha machte Fortschritte. Nach einigen Versuchen gelang es ihr, mittels Östrogen den Schatten tatsächlich quasi zu steuern. Offensichtlich hatte der Probleme mit Vasopressin und bevorzugte die Gegenwart von Östrogen. Wenn Natascha nun mittels eines Katheters die Blase eines Gefangenen austauschte und eine Kochsalzlösung mit wirklich hoher Konzentration von Östrogen einfüllte flüchtete der Schatten in die Blase. Nicht nur in die Blase, sondern in die darin befindlichen Flüssigkeit. Wie die vorherigen Experimente von Katja schon gezeigt hatten, gebunden in eine Flüssigkeit, konnte der Schatten extrahiert werden.

Nun kam ein bedeutendes Experiment. Wieder tauschte Natascha zuerst den Inhalt der Blase des Gefangenen aus, verabreichte dann den Hormoncocktail und der Computertomograph zeigte, wann wirklich alles an Schatten in der Blase versammelt war. Nun zog sie über den Katheter die Flüssigkeit heraus und Bingo! Der Schatten schien vollständig extrahiert zu sein und konnte aus dem Behälter nicht entfliehen. Natascha hatte natürlich dafür gesorgt, dass der Inhalt auch wirklich drin blieb.

Um ganz sicher zu gehen, untersuchte sie den Gefangenen, der langsam eher zum Patient wurde, erneut mit dem Computertomographen und dieser bestätigte, was der Zustand des Patienten schon vermuten liess. Der blieb die ganze Zeit bei klarem Verstand und die Untersuchung zeigte ganz klar, es war nirgendwo mehr ein Schatten zu entdecken. Die Gruppe hatte nun also eine Möglichkeit gefunden, eine befallene Person vom Schatten zu trennen.

Pascal, der alles beobachtet hatte, nickte schliesslich. Sie hatten nun einen Weg gefunden, die Einwohner der Stadt zu retten und gleichzeitig die Schatten auszuschalten. Natascha erklärte dabei auch, wenn hier einmal die Hormone, oder was auch immer, ausgehen würde, sie hätte da quasi unbegrenzte Bezugsquellen. Es war also möglich, auch wenn es langwierig werden würde, die ganze Bevölkerung nach und nach von den Schatten zu befreien und mit dem erbeuteten Hubschrauber an einen sicheren Ort zu bringen. Auch da wusste Natascha genau, wo es einen solchen Ort gab.

Nun gab es nur noch eine Sache zu klären. Wie genau konnte man die Schatten angreifen, oder gar vernichten? Wenn sie auch diese Frage beantworten konnten, hatten sie zumindest ein Druckmittel, um die Schatten zur Rückkehr zu bewegen. Falls es nicht anders ginge, würde Pascal nicht davor zurückschrecken, sie zu vernichten.

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