Produktiver Einsatz

Während Natascha mit ihren Experimenten weiter machte und nach ein paar Stunden alle einstmals Gefangenen von den Schatten befreit hatte, wurde Waldemar immer unzufriedener. Ja, sie hatten den Nachweis gebracht, dass man die Schatten einsperren konnte und wie die Auswertung der High-Speed-Kamera zeigte, veränderte dieser in Gefangenschaft seine Grösse nicht. Also wuchs er nicht, ging aber auch nicht ein. Weiter brachte es seine und Marios Forschung jedoch nicht. Das Natascha mit ihren Experimenten so viel erfolgreicher war, ging ihm auf die Nerven. In seiner Fantasie war er es doch, der dem Eindringling schliesslich den Gar ausmachte.

Um auf Nummer Sicher zu gehen, hatte Pascal darauf bestanden, die nun zu Patienten gewordenen Gefangenen einzeln in den Zimmern einzusperren. Er wusste jedoch, dass von ihnen keine Gefahr mehr ausging. Als Natascha schliesslich den letzten Mann befreit hatte, gesellte er sich mit Maia zusammen zum ersten Patienten, der nun schon einige Zeit recht ungeduldig in seinem Zimmer verharrte.

Maia sollte ihm als Dolmetscher dienen, doch natürlich verstand auf er den Mann hervorragend. Dennoch. Wenn er eine Frage stellte, wartete er immer brav ab, bis Maia es übersetzt hatte. Als die Beiden den Raum betraten, kam der Mann schon aufgeregt auf sie zu.

»Warum werde ich hier festgehalten?«

Natürlich sagte er das auf russisch. Pascal wartete die Übersetzung ab.

»Das ist rein zu deiner Sicherheit! Wir wollen wirklich sicherstellen, dass von dem Schatten in dir nichts mehr übrig ist.«

Der Mann schien kurz nachdenklich.

»Okay, ich verstehe. Ich kann dir aber versichern, ich spüre keinerlei Beeinflussung mehr.«

Das machte Pascal neugierig.

»Du hast die Beeinflussung gespürt?«

»Natürlich! Ich habe alles miterleben müssen. Ein wirklich schockierendes Erlebnis. Wie ich da mit Anderen zusammen noch nicht infizierte Mitbewohner überwältigt und festgehalten habe, damit sie infiziert werden konnten. Ich war nicht dazu in der Lage, dagegen etwas zu machen. Dabei habe ich es so verzweifelt versucht!«

»Beeindruckend! Ich bin nicht davon ausgegangen, dass dein Bewusstsein über den ganzen Zeitraum aktiv war.«

»Oh doch, war es! Diese Gedanken. Diese schrecklichen Gedanken die ganze Zeit! Ich konnte mich nicht dagegen wehren! Ich war wie in mir selbst eingesperrt. Irgendwo in einem zu kleinen Schrank. Alles was ich konnte war sehen, hören, fühlen und natürlich diese Gedanken verstehen.«

»Was waren das für Gedanken?«

»Pläne. Gedanken darüber, wie man diesen Ort verlassen kann. Wo sich weitere Menschen befinden, denen man ein besseres Leben schenken könnte. Wie viele Menschen es auf diesem Planeten gibt, wie viele sich zur Wehr setzen können und wie man diese schliesslich ausschalten kann.«

»Es gibt doch unzählige Fahrzeuge in der Stadt. Warum wurde davon keines benutzt?«

»Ja, die gibt es. Mit mir wurde auch versucht, eines zu steuern. Doch anscheinend ist es nicht so ohne weiteres Möglich, die Abläufe während der Fahrt zu kontrollieren. Es fühlte sich an, als ob einmal der Fokus auf Beschleunigen lag, dann auf bremsen, auf schalten und auf lenken. Offensichtlich war es nicht möglich, alles gleichzeitig zu kontrollieren.«

»Hoch interessant. Konntest du auch spüren, wenn Insekten manifestiert werden?«

»Nein. Ich wusste zwar, dass wieder eine Horde losgeschickt wurde, doch scheint das auf einer anderen Ebene abzulaufen.«

»Ich verstehe. Weisst du, wo die anderen Bewohner sind?«

»Ja. Die Stärksten befinden sich um die Kirche herum. Alle Anderen sind im Regelfall in grösseren Gebäuden.«

»Okay. Wir haben aber um die Kirche herum schon gesucht, aber nichts gefunden.«

»Richtig. Nachdem wir gefangen genommen wurden, sind euch alle Anderen ausgewichen. Man will euch näher studieren, zumal ihr anscheinend gegen eine Infiltration immun seit.«

»Ich verstehe. Kannst du mir sagen, wo sich die medizinischen Angestellten hier aus dem Krankenhaus befinden?«

»Ja. Das ist sehr einfach. Sie zu infizieren war sehr simpel. Sie zu kontrollieren ist jedoch sehr schwer. Die Infektion kann nur ganz rudimentär auf die Erfahrung der Menschen zurückgreifen. Das wird über die Zeit zwar besser, aber es dauert wirklich lange.«

»Und wo sind sie?«

»Östlich der Kirche. Dort gibt es ein etwas grösseres Firmengebäude. Sie befinden sich alle unten, in einem der Lagerräume.«

»Sehr gut. Du warst uns eine grosse Hilfe. Ich werde veranlassen, dass man dich und die Anderen an einen sicheren Ort bringt, bis hier alles vorbei ist.«

Der Mann nickte, Pascal ging. Maia hinter ihm her. Als sie die Tür hinter sich geschlossen, dieses mal jedoch nicht abgeschlossen hatten, musste Maia nachfragen.

»Kannst du dir sicher sein, dass die nicht irgendwann anfangen alles zu erzählen? Das würde eine Panik in der Welt auslösen. Überleg mal, ein Angriff von einer ausserirdischen, kaum aufzuhaltenden Intelligenz.«

»Da mach dir mal keine Sorgen. Niemand wird irgendwas erzählen.«

Aus irgendeinem Grund akzeptierte Maia diese Aussage bedingungslos.

Rund eine Stunde später war Jana mit Kim zusammen in dem erbeuteten Rettungshubschrauber und den Befreiten unterwegs. Dabei flog sie rein zufällig über das genannte Gebäude und liess Kim viele Bilder davon machen. Auch der Rückweg führte sie genau darüber. Die Männer wurden an dem von Jana genannten, sicheren Ort abgesetzt und konnten die dort angebotenen Bequemlichkeiten geniessen. Schon während dem Flug war den Beiden aufgefallen, dass die Männer unglaublich erschöpft zu sein schienen.

Nach ihrer Rückkehr versammelten sich alle in der Kommandozentrale. Von Mario und Waldemar war bis dahin kein weiterer Fortschritt vermeldet worden. Die Bilder wurden ausgewertet.

»Okay. Wir wissen also, dass sich die Befallenen zurückziehen, sobald wir kommen. Ich denke aber, bei der Hütte können wir das vermeiden.«

»Wow. Ein Blitzmerker! Du machst doch hier den grossen Häuptling Pascal. Denkst du ernsthaft, mit der Info hast du was neues Erzählt? Das ganze Gebäude hat nur zwei Zugänge. Dieses grosse Tor und die Tür daneben. Die Fenster sind vergittert. Da muss man jetzt echt kein Hellseher sein!«

Pascal ignorierte Janas Aussage. Auf diese Machtspiele hatte er keine Lust.

»Das heisst, wir müssen nur diese Strasse an beiden Seiten blockieren. Sollte mit den Hubschraubern ja kein Problem sein. Dann können wir die Leute da kassieren.«

»Pascal, verzeih, wenn ich dich kritisiere. Doch dein Plan birgt eine gravierende Schwachstelle. Wir können uns nicht sicher sein, wie viele Menschen sich dort verbergen. Da es sich aber zumindest um das medizinische Personal dieses Krankenhaus handelt, dürfte die Zahl jenseits der Hundert liegen. Auch wenn ich den Fähigkeiten meiner alten und neuen Freunde voll vertraue, dürfte schon die schiere Übermacht nicht zu beherrschen sein. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass selbst beide Hubschrauber nicht die Kapazität haben, alle abzutransportieren.«

»Das weiss ich selbst Waldi. Deshalb würde ich euch gerne bitten, heute Abend mit eurem Hubschrauber wieder unauffällig über das Gebäude zu fliegen. Ihr solltet ja dazu in der Lage sein herauszufinden, wie viele sich da drin befinden.«

»Jana verschränkte die Arme.«

»Ach ja? Sollten wir das?«

»Hallo? Ihr habt ja auch die Gänge unter der Kirche durchleuchten können, oder?«

»Punkt für dich. Also ja, können wir machen. Das hilft uns aber immer noch nicht dabei, die da auch ausser Gefecht zu setzen und hier her zu bringen.«

Claudia hatte da eine Idee.

»Na ja. Wenn die sich wirklich alle im Keller befinden, könnte man sich doch rein theoretisch ausräuchern, oder? Also nicht umbringen, sondern Schlafgas, oder ähnliches?«

»Das liesse sich schon machen. Ist nur das Problem, die werden das ja irgendwie mitbekommen und dann flüchten.«

Viper schüttelte den Kopf.

»Ja was sind wir kleinlich! Noch nie eine Action Film gesehen? Ihr fliegt mit eurem Hubschrauber einfach zu dem Bau, zwei springen mit den Jetpacks und Schlafgas ab und ihr ballert einfach immer dann auf den Zugang zum Keller, wenn da jemand raus will. Sagt mir jetzt nicht, euer super toller Vogel ist dazu nicht in der Lage!«

Jana schwieg. Eigentlich wollte sie jetzt noch etwas warten und dann genau diesen Vorschlag bringen. Da war Viper leider schneller.

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