Waldemars Veränderung

Während Elena da lag und sich ihre Gedanken machte, öffnet sich die Tür. Da gab es nun zwei Möglichkeiten. Entweder war es einer, oder eine, die Sex wollten, oder es war Waldemar. Da sofort das Licht anging, musste Elena nicht erst hinschauen. Tat sie auch nicht. Sie wollte möglichst wenig davon mitbekommen, denn irgendwie hatte sie wirklich Schmerzen dabei.

Glücklicherweise dauerte Waldemars Abendritual nicht lange und bald löschte er das Licht und legte sich ins Bett. Elena wünschte sich nichts sehnlicher, als ganz schnell einzuschlafen. Doch das war ihr nicht vergönnt. Zum Einen, weil sie nervlich angespannt war, zum Anderen weil Waldemar zu sprechen begann.

»Elena, ich möchte mit dir reden!«

»Und wenn es mir total egal ist, was du willst?«

»Das wäre schade, denn dann könnte ich dir die Auswertung meiner Experimente nicht sagen.«

»Siehst du? Ich hab kein Bock mit dir zu reden!«

»Aber es betrifft dich, meine liebe Elena.«

»Ach ja? Als Fussnote? Versuchsobjekt hat sich bereitwillig zur Verfügung gestellt?«

»Aber nein! Elena, du hast am Terminal alle herzlich begrüsst, nur mich nicht. Es hat mich verwirrt! Du musst dir vorstellen, normalerweise bevorzuge ich die Art, wie du sie gezeigt hast. Doch, meine liebe Elena, es hat mir in gewisser Hinsicht Schmerzen bereitet, dass du mir die kalte Schulte gezeigt hast. Deshalb habe ich meine Studie unter einer leicht veränderten Prämisse betrachtet. Was, wenn du nicht ein Versuchsobjekt für mich bist, sondern mein Partner?«

Elena traf fast der Schlag. Wie ein Gummiband schnellte sie zusammen und hockte neben Waldemar im Bett.

»Waldi, wenn du hier irgendein bescheuertes Spiel spielst, dann garantiere ich für nichts mehr! Dann werde ich so zur Wildsau, dass du nicht schnell genug rennen kannst!«

»Elena, sei nicht aufbrausend! Erkläre mir mal lieber, wie ich in der Hinsicht ein Spielchen spielen sollte? Dir, gerade dir sollte bewusst sein, wie viel Wert ich auf die Wissenschaft lege und diese nicht als Spiel ansehe!«

»Mag sein, aber du hast mir jetzt genug gezeigt, dass ich dir nur ein bequemes Objekt bin und es dich eigentlich gar nicht berührt, was wir da machen!«

Nun richtete sich auch Waldemar auf. Es war gerade hell genug in dem Zimmer, dass die Beiden ihre Umrisse halbwegs erkennen konnten.

»Es ist richtig! Was wir getan haben hat mich nicht nennenswert berührt! Ja, ich habe Erregung verspürt, weit mehr als irgendwann zuvor, aber davon abgesehen war da nichts! Aber, betrachte ich alles aus dem Gesichtspunkt, dass es in einer Partnerschaft passiert wäre, dann …«

»Bekommst du Brechreiz und willst dir mit einer Stahlbürste die Zähne …«

An der Stelle wurde Elena radikal von Waldemar unterbrochen. Nicht mit Worten, nicht mit einer von ihm bekannten Geste. Nein, Ohne Vorwarnung spürte Elena eine super ungeschickte Zunge in ihrem Mund, die zappelte, wie ein Fisch an Land. Spielte für sie aber keine Rolle. Waldemar küsste sie unaufgefordert und es ging auch nicht um irgendein Experiment. Das schien echt zu sein und das machte Elena so glücklich, dass die Zeit davor vergessen schien. Leider dauerte der Kuss nicht wirklich lange.

»Verzieh, wenn ich es einfach getan habe, doch schien es mir die einzige Möglichkeit, dich von der Ernsthaftigkeit meiner Worte zu überzeugen!«

Da musste Elena kurz nachdenken. Welche Worte waren das denn jetzt eigentlich? Beziehungsweise, wie legte Waldemar die aus?

»Gut, hast meine Aufmerksamkeit. Was willst du mir also sagen?«

»Ganz einfach, meine liebe Freundin. Unter dem Gesichtspunkt, dass die ganzen Experimente im Rahmen einer Partnerschaft durchgeführt wurden, verspüre ich in der Tat Gefühle, die ich so nicht einordnen kann. Es gefällt mir überraschenderweise unglaublich gut, dass es mit dir passiert und auch, dass wir uns dabei intim berühren. Ich kann es nicht beschreiben, würde es aber jetzt auch nicht als Liebe, oder ähnliches bezeichnen. Es ist eine für mich nicht wirklich erfassbare Situation. Ich weiss nur, mir gefällt es, mit dir hier in diesem Zimmre zu liegen, deine Nähe zu spüren und sogar den Kuss, trotz dem Austausch von Körperflüssigkeit, fand ich keines Wegs unangenehm!«

»Und was willst du jetzt damit sagen? Willst du mit mir zusammen sein, oder so?«

»Elena, ich weiss es nicht. Ich weiss nur, ich will nicht, dass du so kalt zu mir bist! Es tut mir weh!«

»Ach ja? Was denkst du denn wie weh es mir getan hat zu hören, dass ich dir im Prinzip egal bin und du nur deine Studie im Kopf hast?«

»Das kann ich dir nicht beantworten! Aber wenn du es bemängelst, wird es dir sicherlich auch wehgetan haben!«

»Oh ja, hat es! Mehr als ich dir sagen kann!«

»Nun, Elena. Du weisst, ich bin nicht ganz normal. Auch wenn ich meine Einschränkung mehr als Vorteil ansehe, zwischenmenschlich habe ich damit schon oft Probleme verursacht. Aus Gründen der Vernunft ist es schon ein Wagnis, an so etwas wie eine Partnerschaft zu denken. Aber auch wenn es eigentlich unlogisch ist, dich nur noch als normaler Freundin anzusehen, ist ein schwer zu verkraftender Gedanke für mich! Ich bin leider völlig überfordert und weiss nicht, wie ich dich behandeln soll!«

Elena nahm Waldemars Hand.

»Ich mache dir ein Angebot. Wir müssen ja nicht so fest zusammen sein. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich dich liebe, oder etwas in der Art. Aber es ist so, wie du es beschreibst. Ich will jetzt nicht unbedingt fest mit dir zusammen sein, aber auch nicht nur deine normale Freundin bleiben. Schwer zu erklären.«

»Nun, dann tun wir das, was logisch ist. Auch wenn es den gesellschaftlichen Konventionen nur wenig entspricht, können wir ja in etwas ähnlichem wie einer Beziehung leben!«

»Und wie würde das aussehen?«

»Meine liebe Elena, ich bin hochintelligent, kein Hellseher! Das wird sich zeigen müssen. Wir sollten es treiben lassen!«

Elena grinste, auch wenn Waldemar es aufgrund der Dunkelheit nicht sehen konnte.

»Treiben ist immer gut!«

»Elena, darauf möchte ich erst verzichten! Ich hoffe ich verletzte nicht wieder deine Gefühle, aber der intime Akt ist mir immer noch zuwider!«

Das fand Elena nicht toll, doch weh tat es ihr auch nicht.

»Okay. Aber Waldi, wenn du mich nicht nur als normale Freundin haben willst, dann wird zumindest einmal am Tag ein Kuss drin sein müssen!«

»Ich weiss nicht, wie ich damit umgehen kann, meine liebe Elena, doch werde ich es versuchen. Ist das in Ordnung?«

»Experiment?«

Auch wenn sie es nicht sehen konnte, Elena wusste genau, dass eine Augenbraue von Waldemar nach oben ging.

»Ziel?«

»Gefühlswelt Erforschung!«

»Durchführung?«

»Wir legen uns jetzt hin, aber bis wir eingeschlafen sind nimmst du mich in den Arm!«

»Schwierig, meine liebe Elena. Wie du weisst, ich schlafe auf dem rücken.«

»Macht nichts, dann kuschle ich mich an dich und du legst einen Arm um mich.«

Einen Moment war Waldemar still.

»Insofern es mich nicht beim einschlafen stört, können wir es versuchen!«

Elena war happy. Mehr noch, als wenn er sie geknallt hätte. Er legte sich hin, Elena sich dicht an ihn und sein Arm umschloss sie zärtlich. Sie hatte den Wunsch, Stundenlang so zu liegen und alles spüren zu können, doch die ganze Anspannung des an sich beschissenen Tages fiel von ihr ab. Sie atmete noch ein paar Mal ein, schon war sie im Reich der Träume.

Waldemar hingegen war mal wieder total irritiert. Da lag ein anderer Mensch ganz dicht an ihm. Es war abzusehen, dass sie schwitzen und die Hygiene brutal in den Keller gehen würde. Doch das machte ihm überhaupt nichts. Nein, irgendwie fand er es sogar schön! Irgendwie war es, als wäre sie ein fehlender Teil von ihm gewesen, den er bislang aber noch gar nicht vermisst hatte. Auf jeden Fall, zu spüren, wie sich ihr Brustkorb hob und wieder senkte und die Luft, die sie einsog und wieder ausblies, es war schön! Wirklich schön und beruhigend!

Warum war das Leben nur auf einmal so kompliziert geworden? Er wollte doch nur seine Serien schauen und erfolgreich sein. Warum jetzt die Komplikationen mit einer Frau?

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