Der Garzella

Kurze Zeit später öffnete Veronika eine Lagerhalle. Die Jungs waren fast schon erschüttert, was darin alles zu finden war. Regale voll mit irgendwelchem Plunder, vorwiegend Kleider und mitten drin ein Auto. Neben der Erschütterung wurden die Jungs auch noch in ihren Grundfesten schockiert. Sie hatten ein fahrbereites Auto erwartet, welches unter einer Plane sorgsam eingemottet war. Doch dem war beim besten Willen nicht so! Das Auto stand total verstaubt mit platten Reifen einfach so da und schien seine besten Zeiten bereits hinter sich gebracht zu haben.

Während die Jungs sofort mit der Inspektion begannen, fanden auch die Mädels etwas, was sie sehr interessierte.

»Sind das alles deine Klamotten Vero?«

»Klar. Bei den meisten Shootings für irgendwelche Designer bekommt man die Klamotten am Ende mit. Oft werden die speziell für eine Person angefertigt, um auf den Bildern auch entsprechend perfekt zu wirken. Hinterher passt niemand sonst wirklich rein und deshalb kriegt man die dann eben mit.«

Die Mädels waren fasziniert. Da waren zwar wirklich exzentrische Klamotten dabei, die keiner der Damen auch nur im Traum freiwillig angezogen hätten, doch gab es auch vieles, was unglaublich heiss und sexy war. Bei ein paar Stücken musste Katja dann ihrer Neugier Luft lassen.

»Sag mal Vero, so Zeug hast du angezogen?«

Katja zeigte auf ein Kleidungsstück, was eigentlich nur aus breiten Lederriemen bestand, die durch Ringe verbunden waren.

»Sicher doch. War ein Shooting für ein BDSM-Magazin.«

»Ist das irre! Hast du noch mehr von dem Zeug?«

»Noch ein paar irgendwo. Das Meiste von dem Kram hab ich aber nicht aufgehangen, müsste da hinten irgendwo in einer Kiste liegen.«

»Du scheust dich vor gar nichts, kann das sein?«

»Sollte ich Elena? Das war alles Arbeit. Glaub mir, wenn du Stundenlang vor irgendwelchen Scheinwerfern posieren musst, die Kerle mit den Kameras dich die ganze Zeit mit irgendwelchen Kommandos anschreien und sofort meckern, wenn eine Haarsträhne nicht richtig sitzt, dann sind dir die Klamotten herzlich egal!«

»Und das Zeug passt also nur dir?«

»Nö. Die Designer-Klamotten sind grösstenteils für mich angefertigt. Alles andere ist quasi von der Stange Katja.«

Katja fing an eine der Kisten zu durchwühlen. Da war jede Menge Zeug drin. Neben Kleidung, die allesamt einer Domina zu gehören schienen, fand sie aber auch breite Handfesseln mit Ösen und auch einen Gummiball, den man sich in den Mund stecken und am Kopf fixieren konnte. Den hob sie hoch.

»Echt jetzt? Du hast Bilder mit so einem Ding gemacht?«

»Sicher doch! Du glaubst gar nicht, wie gut die in der Szene bezahlen!«

Beeindruckend an der ganzen Sache war jedoch eigentlich, dass die Jungs offensichtlich von dem ganzen Gespräch nichts mitbekamen. Da ging es um Sex und frivole Kleidung, die hatten jedoch nur Gedanken für das Auto. Akribisch wurde alles unter die Lupe genommen. Da das Auto nicht abgesperrt war und rein technisch auch in ihr Besitz übergegangen war, hatten sie keine Scheu, alles zu öffnen.

Donald war schockiert, als er die Motorhaube öffnete. Der Motor sah prinzipiell sehr gut aus, doch war nach dem ersten Blick schon zu erkennen, dass viele Kabel und Schläuche gelitten hatten. Als hätte ein Marder eine ganze Zeit hier seine Behausung gehabt.

»Sag mal Vero, hat sich hier ein Marder eingenistet?«

»Kein Plan. Kann aber gut sein! Bis ich die Halle hier gemietet hatte, stand das Ding die ganze Zeit im Freien.«

»Jungs, da haben wir ja richtig Arbeit vor uns! Alleine schon, bis das Ding überhaupt mal läuft!«

»Sieht ganz so aus! Aber gut, wir wollen ja eh einiges pimpen. Von daher ist es ja egal, ob wir dabei auch noch was reparieren müssen.«

»Ich bin der Meinung, die ganze Instandhaltung wird sich als Vorteil erweisen! So würde ich sagen, zuerst sollte das Fahrzeug überführt und anschliessend von einer Firma gereinigt und desinfiziert werden. Während ihr euch um die Reparaturen kümmert, werde ich das Vehikel peinlich genau vermessen und in meinen Computer übertragen. Donald, da könntest du mir zur Hand gehen, bis ich die Bedienung der notwendigen Programme verstanden habe!«

Donald bekam bei Waldemars Worten sofort unangenehme Gänsehaut. Waldemar etwas zu erklären war zuweilen schwierig.

»Geht klar Waldi. Wenn du mir versprichst, auch wirklich aufmerksam zu lernen, so dass ich nicht alles 100 Mal erklären muss.«

Perry trat ein Schritt von dem Auto zurück. Er betrachtete es schräg von hinten uns seine Gedanken fingen an zu kreisen. Gerade hinten sollten sie die Karre noch breiter machen. Ein Spoiler musste da dran und die rote Farbe musste einem metallic schwarz weichen. Die Lufteinlässe durften in seinen Augen auch noch etwas brutaler werden und vor Allem im Innenbereich musste einiges getan werden. Da gab es nur ein paar analoge Rundinstrumente. Perry war jedoch ein Kind der Neuzeit und für ihn war klar, analog durfte da drin nichts sein! Alles musste auf digital umgerüstet werden und je mehr Anzeigen und Bildschirme, sowie Schalter und Knöpfe, desto besser!

»Oh je Jungs, wenn die Karre fertig ist, die wird der Hit!«

»Aber so was von Perry! Das wird ein echtes Monster und an jeder Ampel der König!«

»Donald, Perry, meine lieben Freunde, dürfte ich in Erfahrung bringen, was euer eigentlicher Antrieb ist, dieses Fahrzeug zu verbessern? Wollte ihr damit angeben?«

Angeben schon, doch nicht so, wie Waldemar sich das vorstellte. Gut, an einer roten Ampel ein paar Wellen machen war schon ein netter Gedanke, aber gerade Donald dachte da mehr an die Filmreihe. So ein Auto musste auch irgendwie an Rennen teilnehmen. Schöne, illegale Strassenrennen bei Nacht. Doch gab es da ein Problem. Heinzfort war nun nicht gerade dafür bekannt, solche Rennen zu dulden. Donald dachte an Berlan. Dort gab es so etwas an jeder Ecke, aber Heinzfort?

»Nee Waldi. Angeben ja, aber nicht einfach so. Eher in der entsprechenden Szene!«

»Hervorragend Freund Donald. Nichts würde mich mehr verstimmen, als arrogantes Angeben irgendwo in der Stadt. Dafür würde ich meine Arbeitsleistung nicht einsetzen!«

Perry dachte nun auch daran, dass Heinzfort für ein aufgemotztes Auto nicht gerade die perfekte Örtlichkeit war. Hier gab es zwar richtig schnelle Autos, sogenannte Supersportler, doch waren die allesamt von der Stange und im Regelfall wurden sie auch von wohlhabenden, wenn auch älteren Herren pilotiert, die damit eine zweite Jugend zu erreichen versuchten.

Doch so weit war die Truppe noch nicht. Erst musste der Garzella überhaupt mal anspringen! Alleine bis zu diesem Zeitpunkt würde noch einiges an Zeit vergehen.

»Mädels, was sagt ihr denn zu dem Hobel?«

Als Donald das fragte, mussten die Mädels sich erst einmal eingestehen, dass sie das Auto bislang kaum eines Blickes gewürdigt hatten. Bis auf Veronika. Die kannte die Kiste und war auch schon damit gefahren. Wenn auch nicht besonders oft. Es war also Zeit, dass die Damen sich das Fahrzeug einmal genauer anschauten.

»Sieht doch ganz gut aus. Also unter dem ganzen Staub. Die Reifen machen jetzt aber nicht gerade einen tollen Eindruck!«

»Nicht gleich nörgeln Claudi! Benutz mal deine Fantasie!«

Das tat Claudia schliesslich. Doch etwas anders, als Donald sich das vorgestellt hatte. Sie betrachtete vor allem den Innenraum.

»Heiss!«

Sagte sie schliesslich. Perry und Donald grinsten.

»Heiss? Findest du?«

»Klar Schatz! Wenn ich mir vorstelle, wie du da drin sitzt, in einem Muskel-Shirt, da krieg ich Pudding in die Knie!«

Donald musste lachen. Perry hingegen bekam einen leichten Anflug einer Depression. Warum dachte seine Freundin nicht daran?

»Definitiv! Mit Donald am Steuer wird das mit Sicherheit eine heisse Kiste!«

Die Depression stieg.

»Hallo? Vielleicht fahre ich das Ding auch mal?«

»Klar Schatz! Dann sieht das Teil bestimmt auch toll aus!«

Das tat Perry weh! In Katjas Stimme war nicht einmal im Ansatz dieser erregte Ton zu hören, als wenn es um Donald ging.

»Ja klar. Wenn das fette Schnabeltier am Steuer sitzt, dann sieht der bestimmt auch toll aus!«

Elena wollte sich gerade anschicken, Perry ein wenig aufzubauen, als Veronika sich einmischte.

»Sei mal ehrlich Perry! Auch wenn ich dich mittlerweile mit anderen Augen sehe, du bist eben kein Donald! Dicker Bauch und Doppelkinn, dass hat eben nicht die Erotik.«

Perry wäre am liebsten heulend weggerannt, so taten ihm Veronikas Worte weh. Viel mehr jedoch, dass Katja keine Einwände erhob. Er fühlte sich einige Monate zurück versetzt, als sein Selbstwertgefühl ganz weit am Boden lag!

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