Die Zielgerade?

Zwei Tage vergingen. Waldemar und Mario bauten die Waffen und testeten sie an den Schatten, die Natascha und mittlerweile gleich fünf Ärzte aus den Gefangenen extrahiert hatten. Die Wirkung war durchschlagend und Pascal wähnte sich schon vor einem baldigen Sieg.

Der Arzt, den Natascha zuerst befreit hatte, stellte sich als absoluter Glücksfall heraus. Er überflügelte Nataschas Wissen bei weitem und hatte fundierte Kenntnisse über die anderen Ärzte, die im Krankenhaus ihren Dienst verrichteten. Dabei stellte sich auch heraus, bei der Befreiungsaktion gingen den Freunden tatsächlich nur fünf Ärzte ins Netz. Alles Andere waren Pfleger und sonstiges Personal.

Die wurden schnell befreit, da der Arzt einen effizienteren Cocktail mischen konnte und wurden schliesslich von Jana zu dem geheimen Stützpunkt gebracht, nachdem Pascal mit ihnen geredet hatte. Der nächste Plan musste her.

»Okay Leute. Wir haben jetzt Waffen und dank unserer neuen Freunde hier auch gute Kenntnisse über die Schatten selbst. Vorschläge für das weitere Vorgehen bitte.«

Pascal endete, Natascha fing an.

»Katja hat ja die restlichen Leute da in dem Keller eingesperrt. Ich würde sagen, die befreien wir zuerst und arbeiten uns dann durch die Stadt. Von Norden her.«

»Diesen Plan halte ich für sehr mühsam. Hier lebten zirka 40.000 Menschen. Wenn wir alle nach bisherigem Verfahren befreien wollen, wird das Jahre dauern.«

Alle schauten zu dem Arzt.

»Okay. Hast du einen besseren Plan?«

Er schaute zu Amy und schien einen Moment zu brauchen, um sie zu identifizieren.

»Ja. Doch kann ich für den Erfolg nicht garantieren. So wie ich es erlebt habe, sind die Schatten so etwas wie ein grosser Supercomputer. Jeder Schatten für sich ist eine voll funktionsfähige Intelligent. Dennoch sind sie nicht Autonom. Sie fungieren als Teil eines Ganzen und das wird von dem Ur-Schatten, wenn man es so nennen will, gesteuert. Anstatt also unsere Kräfte darauf anzuwenden, einzelne Menschen zu befreien, sollten wir einen vernichtenden Schlag gegen den Ursprung durchführen.«

Waldemar schüttelte den Kopf.

»Wie mir scheint, ist dein Sachverstand in dieser Hinsicht, entschuldige, falls ich dich damit beleidige, unzureichend. Du magst über fundierte Kenntnisse zu verfügen, doch würde ich annehmen, dir ist das Verhalten der Erscheinung nicht ganz klar. Dieser scheint es durchaus bewusst zu sein, dass sie selbst der Schwachpunkt darstellt und deshalb verbirgt sie sich unterirdisch. Es wird uns kaum gelingen, sie zu finden.«

»Waldemar, nun fühl du dich bitte nicht beleidigt. Aber deine Ansicht fusst auf keiner korrekten Grundlage. Mir ist es durchaus geläufig, wie sich der Schatten verhält und es ist mir auch bewusst, dass ihr einen grossen Fehler gemacht habt, ihn aus seinem ursprünglichen Versteck zu locken. Bedauerlicherweise befand er sich, als ich noch verbunden war, noch immer auf der Suche nach einem geeigneten Versteck, so dass ich nicht sagen kann, wo wir ihn suchen müssen.«

»Na, so viele Verstecke wird es hier ja dann nicht geben, wenn der immer noch sucht.«

»Da unterliegst du einem Irrtum Natascha. Diese Stadt war einst eine Siedlung für Bergleute. Dieses ganze Areal befindet sich auf einer riesigen Mine, mit kilometerlangen Stollen. Wenn der Schatten den Zugang findet, kann er sich auf ewig vor uns verbergen.«

Claudia schaute zu Donald. Der zu Perry. Perry schaute schliesslich zu Elena und die nickte.

»Wir müssten also einen Weg finden, den Schatten zu uns zu locken!«

Sofort sah Perry, wie Waldemars Gehirn zu arbeiten begann. Etwas unter Hast reagierte er auch.

»Eine grossartige Idee, mein lieber Perry. Ich schlage …«

Er verstummte und seine Augen wurden gross. Erst verstand niemand warum, bis sie anfingen sich umzudrehen und das sahen, was Waldemar da zu Tode erschreckt hatte. Ein dichter Vorhang an schwarzen Käfern krabbelte da die Scheibe nach oben. Es waren so viele, dass wenige Augenblicke später der Raum absolut dunkel war.

»Evakuieren!«

Schrie Pascal.

Augenblicklich nahmen alle ihre Beine in die Hand und rannten los. Amy, Rebekka und Kim voraus, sie bildeten die Vorhut und prüften auf Gegner. Sie erreichten das Treppenhaus und eilten nach oben. Dort angekommen schnallten sich die Mädels sofort die Jetpacks um und hoben ab, während Jana und Viper in die Hubschrauber sprangen und die Aktivierung einleiteten. Der Hubschrauber der Frauen war gewohnt schnell aktiv und Kim sorgte dafür, dass wirklich jeder freie Platz hinten ausgefüllt war, bevor auch sie einstieg und die Tür schloss, damit Jana abheben konnte.

Was Amy, Katja und ihre Freunde sahen, als sie über den Rand des Daches flogen, war beängstigend. Waren es beim ersten Angriff schon wirklich viele Käfer gewesen, wirkte diese übermacht fast schon armselig gegen das, was da gerade im Anmarsch war. Der grösste Teil des Krankenhaus war bereits komplett schwarz und unten drängten noch unglaubliche Massen nach. Als die ersten Käfer das Dach erreichten, hob Viper schliesslich ab und brachte sich samt seiner Passagiere in Sicherheit.

»Heilige Scheisse! Das müssen Milliarden sein!«

»Ja Katja. Ich befürchte, wir müssen das Krankenhaus abschreiben.«

Auch wenn Katja Pascal gerne widersprochen hätte, sie hatten nicht im Ansatz genug Feuerkraft, um diese Menge an Angreifer zu besiegen. Bevor jemand etwas sagen konnte, meldete sich Pascal erneut.

»Lasst uns nach Osten abdrehen und ausser Sicht fliegen. Dann in weitem Bogen zurück zum Flugzeug.«

»Willst du aufgeben?«

»Nein Pascal. Aber wie mir gerade gesagt wurde, können diese Manifestationen nur in einen begrenzten Bereich agierend und das Flugfeld liegt deutlich ausserhalb dieses Bereiches. Dort sind wir sicher und können planen.«

Diese Worte lösten in Waldemar etwas aus. Die Manifestationen konnten nur einen gewissen Bereich um den Schatten herum für sich nutzen? Damit konnte man doch etwas anfangen!

Als beide Hubschrauber und die Mädels mit den Jetpacks am Flugzeug waren und sich davor versammelt hatten, platzte Waldemar mit seiner Idee heraus.

»Meine Freund, ich weiss nun, wie wir den Aufenthaltsort der Erscheinung ausfindig machen können!«

Alle schauten ihn gespannt an, doch sprach er nicht weiter. Elena schüttelte den Kopf.

»Du musst es uns schon erklären Schatz!«

»Oh, ja, natürlich. Ist es sicher, dass die Manifestationen einen begrenzten Aktionsradius haben?«

»Das ist korrekt! Der Schatten musste Menschen aussenden, um einen entflohenen Soldaten zu erwischen. Dieser wollte zu seinem Hubschrauber und um Hilfe rufen. Erst verfolgten ihn die Käfer, dann jedoch mussten Menschen losgeschickt werden, da der Schatten die Manifestation nicht aufrecht halten konnte.«

»Ausgezeichnet! Wir bilden vier Teams, die mit Jetpacks in die Stadt fliegen. Ein Team landet und provoziert einen Angriff mit den Käfern. Im Anschluss landet das zweite Team direkt gegenüber und tut das Gleiche. Die übrigen Teams landen so, dass sich aus der Luft ein Kreuz ergibt. Alle fliehen vor den angreifenden Manifestationen, bis diese nicht mehr folgen können. Im Schnittpunkt muss sich schliesslich die Erscheinung befinden!«

»Wir haben den verlassenen Hubschrauber und Schleifspuren gefunden. Was ich aber nicht verstehe, wir sind davon ausgegangen, dass der Soldat mit unserem Hubschrauber zurück zum Krankenhaus gebracht wurde, da es darin ebenfalls Kampfspuren gibt. Es heisst aber doch, die Besessenen sind nicht dazu in der Lage, etwas zu fahren, oder zu fliegen?«

»Dem ist auch so. Zu beginn gab es jedoch Bewohner, die sich in den Dienst des Schatten gestellt haben, um sich selbst zu schützen. Als aber klar wurde, dass der Schatten seine Aktivitäten nicht auf die Stadt beschränken würde, sondern sich über die ganze Welt verbreiten will, haben auch sie ihre Zustimmung verweigert und wurden schliesslich ebenfalls infiltriert.«

Waldemar fand es nicht lustig, dass sein genialer Plan nicht berücksichtigt wurde.

»Dürfte ich anmerken, dass ich eben einen genialen Plan vorgestellt habe?«

»Ja, darfst du Waldi. Klingt auch gut, können wir so machen. Aber im Ernst. Da haben wirklich Menschen mit dem Schatten zusammengearbeitet?«

Waldemar verschränkte gekränkt die Arme.

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