Kämpfen

Janine stand da, schaute sich um und lockerte ihre Haltung. Soweit war sie ja aus dem Schneider, aber etwas hatte sie noch zu erledigen.

Da war das Messer, mit dem sie angegriffen wurde. Das nahm sie und warf es oben auf eines der Dächer. Irgendwie hatte sie das Gefühl, den Kerl vor sich selbst schützen zu müssen. Genauso wie die Pistole. Zuerst entnahm sie die Munition, dann zerlegte sie das Ding in Einzelteile und verteilte diese ebenfalls grosszügig auf den umliegenden Dächern, während sie den Rückweg angetreten hatte. Die Munition verschwand im Loch eines Baumes und damit war der Fall für Janine abgeschlossen.

Bis sie die Strasse erreichte. Dort wartete schon eine ihr sehr gut bekannte Person.

»Was ist mit dir? Auch Lust zu wandern?«

»Nein. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, ich sollte mal nach dir sehen.«

»Du wirst alt! Wenn du mich hast unterstützen wollen, bist du ein paar Minuten zu spät. Lass mich mal raten, du hattest damit natürlich nichts zu tun?«

Pascal schüttelte den Kopf und fragte sich, wenn doch niemand glaubte, dass er ein Dämon war, warum bekam er dann dauernd irgendetwas unterstellt? Dieses Mal hatte er ja auch wirklich nichts mit der Sache zu tun gehabt!

»Nein, hatte ich nicht! Was war denn?«

»Ach, drei so Gestalten wollten mir ans Leder. Die haben jetzt Matratzenhorchdienst.«

»Ist dir was passiert?«

Die Besorgnis von Pascal war echt.

»Wegen drei so Typen? Bitte, da müssen schon ganz andere kommen. Ich habe ja versucht zu entkommen, aber irgendwann war ich in einer Sackgasse und dann ging es nicht mehr anders.«

»Du wolltest entkommen? Warum, wenn es doch nur drei Gestalten waren?«

Die Beiden setzen sich in Bewegung.

»Versteh mich jetzt nicht falsch. Ich bin nicht gerannt, weil die mir etwas antun wollten. Ich bin gerannt, um ihnen nichts antun zu müssen.«

Pascal war erneut glücklich über die Wahl seiner Freunde. Was hatte er im Laufe der Zeit schon Menschen kennengelernt. Die waren bescheiden, zurückhalten, aber wehe man gab ihnen etwas Macht. Er selbst war es schon gewesen, der einem seiner Freunde etwas extra Power gegeben hatte. Zuvor war dieser Freund ein Verlierer, der nur dann von andere Menschen berücksichtigt wurde, wenn diese ihn irgendwie quälen konnten. Kaum hatte sein Freund dann die Macht, seine Peiniger zu strafen, tat der das dann auch und zwar in einem so radikalen Mass, dass es selbst Pascal zu viel war. Gut, generell hatte er nichts gegen unsinnige, übertriebene Gewalt, aber nicht bei seinen Freunden.

»Du hast also wegen deren Schutz die Beine in die Hand genommen?«

»Ja. Überleg mal, wenn die jetzt wach werden. Verkloppt von einer Frau, entwaffnet und ihre Waffen sind zudem auch noch weg. Voll die Schmach.«

»Und das stört dich?«

»Was heisst stören? Ich werde die wohl nie wieder sehen und spätestens in einer Stunde auch nicht mehr an die denken, aber es wäre mir schon irgendwie lieber gewesen, wenn ich das hätte verhindern können.«

»Warst du dir sicher, dass die keine Chance gegen dich haben?«

»Klar. Ich hab ja schon so ein bisschen Erfahrung, wie du vielleicht weisst. Wenn drei Leute mit Waffen auf eine vermeintlich schwache Frau gehen, haben die nichts weiter auf dem Kasten, als eben ihre Waffen. Damit muss man aber auch umgehen können. Ich meine, ein Messer verführt immer zu ausladenden Bewegungen. Viel Zeit zum blocken und eine Schusswaffe schiesst auch nur exakt in eine Richtung. Wenn man die Mündung also nicht direkt auf der Stirn hat, ist da auch noch viel Zeit, um sich aus der Schussbahn zu bringen. Nee. Ich hab es ja auf der Insel damals gesehen. Dort hatte jeder Waffen und wer hat am Ende gesiegt?«

»Machst du dir das nicht zu einfach?«

»Nö. Du, ich hab mich jetzt nicht mit denen angelegt und dachte, die können mir ja eh nichts. Da war schon Taktik von mir dabei. Aber eben, ich kloppe mich doch an den Wochenenden dauernd mit irgendwem. Die Kerle haben einfach den dämlichen Gedanken im Kopf, ich bestehe eh nur aus Titten und kann nichts.«

»Und du hattest keine Angst vor denen?«

»Angst ist das falsche Wort. Natürlich hatte ich die entsprechenden körperlichen Reaktionen. Adrenalin, schneller Puls und das alles. Mein Trainer sagt aber immer, es wäre keine Angst an sich. Es wäre so etwas wie der rote Alarm des Körpers. Alle Sensoren auf maximale Leistung und maximale Durchblutung der Muskeln und des Gehirns und so. Viel Aufmerksamkeit und viel Kraft.«

»Du bist echt eine Marke. Wie kann eine Frau nur so furchtlos und gleichzeitig so unglaublich heiss sein?«

»Na ja, furchtlos bin ich so jetzt nicht. Wenn Amy, oder Rebekka sich mal ernstlich mit mir anlegen würden, da würde mir schon die Düse gehen. Gerade bei Amy. Wo du jeden normalen Mensch auf die Bretter schickst, kassiert sie einen Treffer und hat gleichzeitig aber auch den Konter parat, mit dem man nicht rechnet. Das ist richtig unfair bei der. Dazu steckt sie so unglaublich viel ein!«

»Ja, tut sich!«

Grinste Pascal. Janine knuffte ihn am Arm.

»So war das nicht gemeint du Depp!«

»Ist aber nicht mehr als die Wahrheit!«

»Ja, toll. Da stecke ich genauso viel ein wie sie!«

»Das ist korrekt! Vielleicht sollten wir …«

Janine fiel ihm ins Wort.

»Ganz sicher nicht hier! Die Zeiten, wo ich im Wald gefickt hab, sind schon lange vorbei!«

Eine Zeit herrschte Schweigen. Sie waren schon fast wieder unten angekommen, als Pascal wieder zu sprechen begann.

»Wie findest du denn die aktuelle Entwicklung?«

»Verstörend gut.«

»Verstörend?«

»Ja. Ich bin ja nicht blind. Die Menschen um uns herum haben alle irgendwo ihre Probleme. Mal drückt das Geld, mal ist die Beziehung schlecht, oder irgendwas stimmt mir der Arbeit nicht, Wohnung ist zu klein, all so etwas. Du siehst eigentlich keine Menschen, die wirklich perfekt zusammenpassen, immer nur Spass haben und die Tage, an denen sie nicht gut drauf sind, quasi überhand nehmen. Wir werden irgendwie dauernd mehr. Erst die aus Brücken, jetzt die aus Heinzfort und da gibt es keinen Stress! Unsere Probleme sind banal und nur dem Wort nach wirkliche Probleme. Was essen wir, wie lange machen wir Urlaub, was wird das nächste Video, wie pimpen wir die Autos noch weiter? Gibt es am nächsten Wochenende eine Überraschung? Das verstört mich irgendwie alles. Wir sind mittlerweile eine grosse Gruppe und haben nie wirkliche Probleme.«

Pascal lachte.

»Wenn ich dir jetzt sage, dass so etwas tatsächlich eine unglaubliche Seltenheit ist?«

»Würde ich dich fragen, ob du ein kleiner Klugscheisser bist. Das wäre mir nämlich klar!«

»Nein, was ich meine ist, in der Geschichte ist das eine echte Seltenheit. Ich habe schon so viele Menschen gesehen und da war immer das gleiche Problem. Hast du die zusammen gesteckt, gab es irgendwann Streit. So sind Kriege entstanden!«

»Hast du Geschichte studiert, oder wie?«

»Erlebt!«

Janine schüttelte den Kopf.

»Hörst du eigentlich auch irgendwann mal auf, zu behaupten ein unsterblicher Dämon zu sein?«

»Hörst du auf zu behaupten ein Mensch zu sein?«

»Ähm, ich bin ein Mensch!«

»Ja und ich ein Dämon.«

Wieder schüttelte Janine den Kopf. Einen Moment lang war Pascal versucht, ihr seine dämonische Gestalt zu zeigen. Doch er verwarf den Gedanken. Janine gehörte zu jenen Menschen, die sein wahres Wesen dadurch entdecken würden, weil sie ungewöhnlich alt wurden. So viel Geduld hatte er.

»Immer wieder die gleiche Leier. Hat das denn schon jemals jemand beeindruckt?«

»Schon oft! Könntest ja mal Bambi fragen, aber das mit der hat sich ja erledigt.«

»Warum eigentlich?«

»Na ja, Menschen sind eben komische Wesen und wo ich dachte, sie wäre eine echte Freundin, hat sie mir dann doch ganz andere Seiten von sich gezeigt. Aber ist ihr Problem. Sie wird vergehen. Meine echten Freunde, die werden erhalten bleiben. Bis in ganz ferne Zukunft.«

Wieder schüttelte Janine den Kopf und schwieg.

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