Enttäuschte Elena

Als Waldemar schliesslich zurückkam, erhoffte sich Elena natürlich weitere Aktivitäten. Ihrer Meinung nach war der Abend damit noch nicht beendet. Einer sah das jedoch anders. Waldemar nahm sich seine Sachen und fing an sich anzuziehen.

»Was wird das Waldi?«

»Ich ziehe mich an, meine liebe Elena.«

»Und warum? Wir sind doch noch nicht fertig!«

»In dem Fall bist du einem Irrtum aufgesessen! Ich habe sehr viel Material, über welches ich nachzudenken habe. Morgen muss ich diese Daten erst einmal kategorisieren, sortieren und ihren Grundgehalt ermitteln.«

»Aber wäre es dann nicht besser, noch weitere Daten zu haben?«

»Aber nein, meine liebe Freundin. Hier würden zu viele Köche den Brei verderben, wenn mir diese Analogie erlaubt ist.«

Elena hatte die Enttäuschung so stark in den Augen stehen, dass Claudia sich zu einem Kommentar genötigt fühlte.

»Waldi, was bist du nur für ein unsensibles Arschloch! Elena versucht dich zu unterstützen und dir klar zu machen, dass Leben nicht nur aus Arbeit und Computerspielen besteht. Das es auch Menschen gibt, mit denen man intime Zeit verbringen kann und damit glücklich wird. Sie lässt sich auf deine Spielchen ein, holt sogar uns mit ins Boot und wenn du denkst, dir reicht das jetzt, brichst du einfach alles ab und gehst davon aus, jeder ist damit zufrieden?«

Waldemar schaute Claudia so verständnislos an, dass Elena schon wusste, was jetzt kam.

»Ich verstehe dich nicht Claudia! Hier geht es um ein wissenschaftliches Experiment. Der Hintergrund besteht darin, ist Sex eine Zeitverschwendung und wird aufgrund von Hormonen mit Suchpotential so hoch bewertet, oder hat es einen tiefer gehenden Grund? Die derzeit laufenden Experimente dienen dazu herauszufinden, inwieweit die verschiedenen Handlungen für eine Person nutzbringend sind, auch wenn das eigentliche Ziel, die Fortpflanzung, ausgeschlossen wird. Diese Daten nützen jedoch nichts, wenn sie nicht entsprechend aufbereitet und ausgewertet werden und ich sehe schon klar vor mit, dass die Auswertung der alleine heute gewonnenen Daten einen massiven Zeitaufwand bedürfen werden.«

Claudia stand auf und fing an sich anzuziehen. Auch Alexis suchte sich ihre Klamotten. Als Claudia schliesslich fertig war und zur Tür ging, drehte sie sich wieder zu Waldemar um.

»Wärst du kein so egoistisches Arschloch würde dir vielleicht auffallen, dass du Elena ganz schön verletzt! Aber das merkst du ja nicht, weil es in deinem Kopf nur dich gibt! Gute Nacht!«

Waldemar war schockiert, denn er verstand wirklich nicht, wo Claudias Problem lag. Als dann auch noch Alexis an ihm vorbei ging und Elena noch einmal zum Ausdruck der Anteilnahme die Hand auf die Schulter legte, war er zur Gänze überfordert. Langsam ging er zurück ins Bett und deckte sich zu. Elena löschte das Licht. Doch nachdem sie sich wortlos umgedreht hatte, bekam Waldemar immer noch kein Auge zu.

»Elena, ich kann nicht schlafen!«

»Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie egal mir das ist!«

Und weiter wurde Waldemar verwirrt. Warum war Elena denn nun so ablehnend zu ihm? Das verstand er alles nicht und er war kurz davor die Kontrolle zu verlieren.

»Elena, würdest du mir bitte sagen, wo genau im Moment das Problem liegt? Ich verstehe das alles nicht!«

Elena drehte sich rum. Da es dunkel war, konnte Waldemar die Tränen in ihren Augen nicht sehen.

»Wo das Problem liegt? Bist du echt so ein gefühlloses Arschloch? Das Problem liegt darin, dass du einen grossen Haufen auf die Gefühle deiner Freunde scheisst! Ja, ich bin hier um dich bei deinen Experimenten zu unterstützen und das mache ich auch gerne. Aber du könntest wenigstens so nett sein und zeigen, dass es dir nicht gänzlich egal ist, was ich für dich tue!«

»Aber meine liebe Elena, ich schätze deine Hilfsbereitschaft doch sehr! Sagte ich nicht eindeutig, dich zu berühren wäre mir nicht schwergefallen, auch wenn ich bei Alexis und Claudia zeitweise mit dem Brechreiz ringen musste?«

»Doch. Aber das spielt alles keine Rolle. Denn wenn du hast was du willst, ist dir alles andere egal. Das ich vielleicht gerne noch mehr Kontakt mit dir gehabt hätte, ist dir völlig egal.«

Dieser Vorwurf reicht schliesslich aus, dass Waldemars Verstand abschaltete. Seit seiner Kindheit war ihm das nicht mehr passiert und auch Donald und Perry hatten es nie erlebt. Es war, als würde sich sein Verstand völlig von allen äusseren Reizen abkapseln. Weder hörte er noch etwas, noch konnte er etwas sehen, oder spüren. Nur seine Gedanken waren noch präsent und die kamen mit der Situation nicht klar.

Elena fing wirklich an zu weinen, denn Waldemar reagierte auf nichts mehr. Für sie war klar, er war eingeschlafen, oder ignorierte sie einfach. Irgendetwas was ihr zeigte, sie war ihm eigentlich völlig egal.

Am kommenden Tag war Elena nicht wirklich ansprechbar. Claudia und Alexis erklärten ihren Freundinnen, wo das Problem lag und was Elena so deprimierte. Die wollten natürlich direkt Waldemar zur Rede stellen, doch Perry hielt sie davon ab. Waldemar in einem solchen Zustand zu konfrontieren, würde nichts bringen.

Elena bekam alles nur am Rande mit. Amy erkannte sich in ihr. Auch sie hatte damals, als sie von Markus verlassen wurde, eine ganze Zeit nur reagiert, ohne wirklich am Geschehen teilzunehmen. Auch die ganze Aufregung am Flughafen, als zusammen mit Phillip auch Pascal aus dessen Privatflugzeug stieg, registrieren Elena nur beiläufig. Auch nicht, als Pascal Waldemar zur Zeit zog, als die Gruppe in der Kirche für die Trauung war, ging an ihr völlig vorbei.

»Waldemar, wir haben uns mal dringend zu unterhalten.«

»Nun, mir wäre dafür kein Grund bekannt Pascal. Eine Aufklärung würde mich freuen.«

»Die kannst du haben mein Freund. Was ist mit Elena?«

Pascal sah, dass sich Waldemars Gesicht tatsächlich etwas bei diesem Namen erhellte.

»Was soll mit Elena sein, mein Freund? Sie ist eine für mich sehr wichtige Person und der einzige Mensch zur Zeit, der mich anscheinend versteht.«

»Richtig. Aber du verstehst sie nicht!«

Waldemar lächelte sanft.

»Aber nein! Ich verstehe sie sehr gut. Sie ist auf dem Weg, intellektuell einen Durchbruch zu erreichen.«

Pascal positionierte sich vor Waldemar.

»Alles, was hier bald durchbricht, ist ihre Wut, welche sich aufgrund von Trauer ergibt! Du behandelst sie wie ein Laborobjekt und dabei ist sie der einzige Mensch der sich wirklich die Mühe hat, in deiner Gegenwart so zu sein, wie du es brauchst!«

Waldemar verstand mal wieder nicht, warum ihm schon wieder ein Vorwurf gemacht wurde.

»Pascal, ich bin mir nicht sicher, ob ich deinen Ton akzeptieren kann.«

»Och doch, du kannst mein Freund! Elena ist ein unglaublicher Mensch und genauso wirst du sie in Zukunft auch behandeln!«

»Und was schlägst du vor, soll ich tun? Eine intime Beziehung mit ihr beginnen?«

»Offen ihr gegenüber sein! Sie als Mensch sehen und nicht als Laborinventar! Ich weiss, dass in dir auch Gefühle sind, die du zwar noch nicht ganz verstehst, oder akzeptierst, aber sie sind da und sie beziehen sich auf Elena! Du wirst nun dafür sorgen, dass du diese Gefühle verstehst und sie schliesslich auch mit ihr ausleben. Klar soweit?«

Waldemar dachte nach.

»Das halte ich für unmöglich, mein lieber Freund.«

»Ach ja? Was wenn ich dir sage, dass unmögliche Dinge nicht unmöglich sind?«

»Dann würde ich sagen, du leidest an diversen Problemen!«

»Nun gut. Machen wir es ganz einfach. Ich zeige dir etwas, was eigentlich unmöglich ist. Wenn du das gesehen hast zeigst du mir, dass du Elena gegenüber offen sein kannst. Klar?«

Waldemar fühlt sich stark. Man konnte ihm nichts unmögliches zeigen, denn wenn es unmöglich war, war es unmöglich. Nachdem er jedoch genickt hatte kam das, was er niemals erwartet hätte. Pascals Augen glühten rot auf. Nur für eine Sekunde. Eigentlich nicht einmal lange genug, um Waldemar zweifelsfrei davon zu überzeugen, dass es wirklich passiert war. Dennoch erschütterte ihn diese Tat so extrem, dass er für sich wirklich entschied, etwas unmögliches sei gerade geschehen. Entsprechend war er sofort daran gebunden, dass nun auch er etwas unmögliches zu tun hatte. Zwar war ihm noch nicht ganz klar, wie das geschehen sollte, doch es würde geschehen. Wenn ihm eines heilig war, dann sein Wort. Zwar hatte er es mit einer Geste gegeben, aber er hatte es gegeben und nun war er dafür verantwortlich, es auch zu halten.

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3 Kommentare

  1. Oh oh Waldi was hast du getan?
    Elena so zu verletzen, doch noch ist das alles noch zu reparieren da sie ja ihn kennt und er sich auch etwas gewandelt hat.

    Bin sehr begeistert lieber Autor wie du immer wieder mich so derart fesseln kannst mit diesen vielen aber dennoch durch die Bank tollen Charas, das ist einsame Spitze, herzlichen Dank nochmal dafür.

    LG
    Maia

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