Schlachtungen (Teil 2)

Doch auch trotz dieser Worte waren die Frauen aufgebracht über Tiffanys Frage. Ob Tiffany es nun wollte oder nicht, hier prallten zwei Kulturen aufeinander und offensichtlich war jeder der Meinung, seine sei richtig.

Dann klingelte es erneut.

»Hey, bist du fertig? Du bist dran!«

Die Frau, die eben so schnell verschwunden war, kam zurück. Nackt. Tiffany bekam Schnappatmung. So ein aufregender Körper sollte gleich gefressen werden? Was eine Verschwendung! Krieger hingegen sah ihre Frisur. Die langen Haare waren gewaschen und zu einem grossen Dutt verdreht worden. So, dass der Hals absolut frei war. Bizarr sich vorzustellen, dass diese Frau das alles tat, damit man ihr den Kopf abschlagen konnte. Auch ihr Stimmung war super.

Beeindruckend war dann aber, als sie ging und sich dabei verabschiedete war es so, als hätte sie den Jackpot geknackt und würde jetzt auf eine lang ersehnte Kreuzfahrt, oder etwas ähnliches gehen. Das sie in wenigen Minuten tot sein würde, schien hier niemand zu stören.

»Kommen sie Kapitän? Wenn sie dabei sein wollen, dann los!«

Krieger konnte es einfach nicht fassen und auch Tiffany verstand die Welt nicht mehr. Die Frau war so aufgeregt, als war Weihnachten und es gäbe gleich Geschenke. Der Wahnsinn!

Es ging zurück zu dem Schlachthaus, welches die Gruppe schon gesehen hatte. Aber auf die andere Seite des Geheges. Das Gebäude war im Vergleich zu der Verarbeitung so klein, dass man es locker übersehen konnte. Die Frau ging hinein. Niemand musste sie drängen, es gab auch niemand, der sie geleitete. Sie eilte einfach los, so dass Krieger etwas Mühe hatte dranzubleiben.

»Fütterung?«

»Japp, genau.«

»Art?«

»Köpfen.«

»Gut. Hier, dein Schein. Durch die Tür, Gang nach Rechts.«

Wieso die es so eilig hatte, den Kopf abgetrennt zu bekommen, wollte nicht in Kriegers Hirn. Ihr Tempo erhöhte sich noch. Es ging den Gang hinunter und dann durch eine Tür. Als auch Krieger drin war erstarrte er. Da stand eines dieser Tiere. Seelenruhig, mitten in einem voll gefliesten Raum. Ein Fallbeil stand mitten im Raum und eine Schiene an der Decke zeigte schon, wie der tote Körper zu dem Tier transportiert werden würde. Die Frau ging zu dem Mann und zeigte ihr den Schein, den sie eben bekommen hatte.

»Okay. Prima. Knie dich bitte vor das Fallbeil. Hals schön in die Aussparung.«

Tiffany traute ihren Augen nicht. Sie ging wirklich zu dem Gerät, kniete sich davor und legte ihren Kopf so, dass der Hals genau in einer Aussparung lag. Sie wurde weder gefesselt, noch gezwungen, noch ihr Kopf irgendwie fixiert. Der Mann kam und befestigte zwei Ketten an ihren Füssen. Das Krieger und seine Leute dabei waren, schien niemanden zu interessieren. Das Tier stand dabei nur herum. Es schien noch dümmer zu sein, als Krieger es sich vorgestellt hatte.

Der Mann stand auf und legte ein kleines Gerät in die Hand der Frau.

»Gut. Wenn du noch etwas sagen willst, dann bitte. Sobald du bereit bist drück den Knopf.«

»Kapitän?«

Krieger erschrak. Er war von der Szenerie so gefesselt, dass er nicht damit gerechnet hatte, angesprochen zu werden.

»Ja?«

»Kommen sie mal bitte nach vorne zu mir.«

Mit zitternde Knien kam Krieger der Bitte nach. Als er vor ihr stand und sie ihn nach oben schielend anschaute, grinste sie.

»Sehen sie? Kein Zwang, keine Gewalt. Für uns ist es eine Ehre!«

In dem Moment drückte sie den Knopf. Das Beil schoss hinab und trennte in einer einzigen Bewegungen den Kopf präzise vom Rumpf. Krieger wurde es schlecht, aber auch Tiffany kämpfte mir ihrem Mageninhalt. Interessanterweise trat kein Blut aus.

»Wieso blutet sie nicht?«

Der Mann, den Krieger eigentlich als eine Art Henker gesehen hatte, fing schon an den noch zuckenden Körper mit einem Kran nach oben zu ziehen.

»Die Schneide besteht aus einem Laser. Die Temperatur beim Schnitt ist so hoch, dass alle Gefässe sofort verödet werden. Kein Blutverlust!«

Trotzdem konnte Kriege das alles nicht begreifen. Diese junge Frau war vor ein paar Sekunden noch am Leben gewesen. Gesund, fröhlich, voller Tatendrang. Nun lag sie tot vor ihm. Ihr Körper baumelte schon an den Ketten und wurde zum Tier gebrach, während der Kopf in der Nähe von Kriegers Füssen lag. Dabei hatte sie selbst den Knopf gedrückt. Einfach nicht zu fassen!

Dann sah Krieger, wir das Tier mit dem fressen begann. Es wirkte uninspiriert, eigentlich so, als müsste es gefüttert werden weil es selbst zu dumm war. Wie gebannt schaute Krieger es sich an und auch Tiffany konnte die Augen nicht abwenden. Stück für Stück verschwand der Körper im Maul des Tieres. Dabei schien es gar nicht zu beissen, oder zu kauen. Es verschluckte den Körper einfach. Als der schliesslich ganz weg war kam der Mann zu Krieger, nahm den Kopf an den Haaren hoch und kurz darauf verschwand auch der im Schlund des Tieres.

»Okay. Falls von euch keiner der Nächste sein will, da ist die Tür!«

Nun war es die Gruppe, zumindest Krieger und Tiffany, die im Laufschritt davoneilten. Draussen ging Krieger in die Knie.

»Ganz ehrlich? So etwas habe ich noch nicht gesehen! Ich habe schon viele Männer unter meinem Kommando verloren. Auch welche in den Tod geschickt. Aber das da? Die drückt einfach selbst den Knopf und dann zack, tot. Kann doch nicht wahr sein!«

»Kapitän. Für sie mag das grausam erscheinen. Für uns ist es ganz normal! Es gibt nur eine Sache, die hier von Belangen ist. Bestehen sie darauf, dass ihre Verbündeten die gleiche Gesinnung haben wie sie, oder tolerieren sie die Unterschiede.«

»Baki, ich toleriere ihre Kultur! Aber verstehen sie bitte, dass das für mich und meine Kultur nicht einfach zu verarbeiten ist.«

»Das ist wohl nachvollziehbar. Wichtig ist mir eigentlich nur eins. Sie sollen uns nicht mit Vorurteilen versehen, die sich aus kulturellen Unterschieden ergeben.«

»Keine Sorge. Das werde ich nicht!«

»Ich muss sagen, so schockierend das gerade war, es ist auch bewundernswert. Auf der Erde habe ich schon oft von Aufopferung und so gehört, aber so etwas? Ich erinnere mich da noch an einen Flugzeugabsturz, wo die Leute die Toten essen mussten, um zu überleben. Was das für eine Diskussion aufgeworfen hat. Ich will nicht sagen, dass ich von mir aus eure Kultur gutheissen will, aber rational gesehen ist sie mit Sicherheit nicht weniger Wert als unsere. Vielleicht sogar mehr. Aber auch da habe ich mir kein Urteil zu bilden!«

»Tiffany, was denken sie? Sollen wir die nächsten Fütterungen noch abwarten, oder reicht was wir gesehen haben?«

»Ich würde nur zu gerne abhauen. Aber Köpfen war jetzt keine Sache, bei der man noch Zeit für Gedanken hat. Sie hat den Knopf gedrückt und schon war es vorbei. Beim hängen kann das schon anders sein und bei der Lebend-Fütterung sowieso. Wenn wir das wirklich wissen willen, dann müssen wir es uns auch anschauen.«

»Nummer eins, ich hasse es wenn sie Recht haben!«

»Tja, leben sie damit.«

»Also gut. Dann zurück zu dem Haus, oder? Herausfinden wann da die nächste Fütterung ansteht!«

Krieger rappelte sich auf. Er kam sich irgendwie albern vor. Körperteile seiner Kameraden waren schon an ihm vorbeigetrieben, er hatte gesehen, wie einer seiner Freunde eine Schleuse von innen verschloss, weil die Mechanik blockiert war und nur so eine explosive Dekompression des Schiffes verhindert werden konnte. Er sah, wie sein Freund vom Vakuum getötet wurde. Bei all diesen Begebenheiten konnte sein Kopf schnell umschalten. Das Opfer war in allen Fällen nötig gewesen. Zwar in vielen Fällen aufgrund des Einsatzes eigentlich doch eher unsinnig, aber, um den Auftrag zu erfüllen, dummerweise nötig. Doch hier, bei einer Frau die er gar nicht kannte, die niemanden hinterliess und auch nicht leiden musste, drehte sich ihm derart der Magen um, dass er nicht einmal daran denken durfte. Ihm war jedoch klar, diese Bilder würden ihn noch lange in seinen Träumen verfolgen.

Half aber alles nichts. Es war wie es war und Krieger musste da jetzt einfach durch. Ob es ihm gefiel oder nicht. Danach nichts wie weg von diesem Planeten. Es war korrekt. Er hatte nicht das Recht, über dieses Volk zu urteilen. Sehr wohl hatte er aber das Recht, für sich und sein Schiff eine Entscheidung zu treffen. Die sah derzeit so aus. Er würde versuchen eine Einigung zwischen Thori und Brass zu erzielen. Doch dann würde er mit der Megaclite diesen Sektor verlassen. Dabei wurde ihm aber immer bewusster, er wollte eigentlich nicht zurück in die Heimat. Hier gefiel es ihm!

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