Waldemars Neugier

Pünktlich 22 Uhr verspürte Waldemar das Bedürfnis in seine Wohnung zu gehen, um den Abendsnack einzunehmen. Elena war sofort dabei, denn sie wollte natürlich auch noch mit den Anderen reden.

Das Katja und Perry verschwunden waren, bekamen die Beiden gar nicht mit. Die Nummer war so kurz, dass sie schon wieder im Wohnzimmer sassen. Während Elena sich setzte, ging Waldemar in Richtung Küche, blieb dann aber stehen und drehte sich um.

»Amy, ich würde gerne eine Frage an dich richten!«

»Sagt mal, kann der auch normal reden?«

Sofort lachten die WG-Bewohner.

»Nein Amy. Der redet immer so. Gewöhnt man sich aber dran!«

»Kann ich mir kaum vorstellen Donald. Aber gut, stelle deine Frage, mein lieber Waldemar!«

»Würdest du mir die Ehre erweisen und mir die KI des Autos vorführen? Elena hat mich eben über dessen Fähigkeiten unterrichtet und ich muss sagen, ich bin überaus neugierig!«

»Was? Jetzt?«

»Insofern diese Möglichkeit besteht, dann ja!«

»Eh, Moment Mal Waldi! Es ist nach 22 Uhr! Zeit zum Essen und fürs Bett!«

»Lieber Donald, dir sollte geläufig sein, dass ich nach dem Essen noch eine Zeit vor dem Fernseher bei meinen Serien entspanne. Ich sehe aber keine Chance, heute in Ruhe meiner gewohnten Tätigkeit nachzugehen. Insofern fände ich es äusserst praktisch, die verlorene Zeit mit dem Stillen der Neugier zu befriedigen.«

»Von mir aus. Wenn du dann glücklich bist!«

»Liebe Amy. Ich gehe nicht davon aus, dass sich dadurch ein Glücksgefühl bei mir einstellen wird.«

»Was auch immer. Lass uns gehen!«

Waldemar ging zur Tür und wartete, bis Amy bei ihm war. Gemeinsam gingen sie nach draussen.

»Das ist schon ein echt komischer Vogel. Ich kenne es auch eigentlich nur so, dass die Leute versuchen Amy ins Bett zu kriegen. Nicht, dass sie um die Uhrzeit noch das Auto sehen wollen.«

»Ach ja Rebekka, Waldi ist so eine ganz eigene Art Mensch. Da musst du nicht dahinter steigen.«

»Und ihr haltet das jeden Tag aus Donald?«

»Ja. Sagte doch, man gewöhnt sich dran. Er hat seine Eigenarten, ist aber ein wirklich unglaublicher Freund!«

»Stimmt! Waldemar ist was besonderes. Egal was ich ihn frage, ich bekomme immer eine schonungslose Antwort.«

»Das nervt doch, oder Veronika?«

»Zum Teil schon. Aber es hilft auch. Ich frage ihn oft nach seiner Meinung über etwas, was ich in meiner Firma entwickelt habe. Sonst bekomme ich eher diplomatische Antworten, die gerne etwas zu positiv ausfallen. Waldemar knallt mir sofort seine Meinung hin, ob die nun gut oder schlecht ist. Ich weiss dann aber woran ich bin und auch, was ich besser machen muss.«

Amy und Waldemar erreichten den Lion.

»Lion, aufsperren.«

Es klickte. Die Zentralverriegelung hatte sich geöffnet und Waldemar war sofort begeistert.

»Verbale Verriegelung? Ich bin beeindruckt! Aber ist das nicht ein wenig unsicher, liebe Amy?«

»Lion, verriegeln!«

Wieder klickte es.

»Versuch mal dein Glück!«

Waldemar schaute kurz.

»Lion, aufsperren!«

»Es tut mir leid, aber deine Stimme wurde nicht erkannt. Ich kann nicht ermitteln, ob du eine Berechtigung hast!«

Ertönte eine weibliche, gut modulierte Stimme.

»Sehr beeindruckend. Er reagiert also auch auf das Stimmmuster?«

 »Richtig.«

»Lion, ich wurde von Amy berechtigt, die Verriegelung zu öffnen!«

»Nein! Amy hat dich aufgefordert, es zu versuchen. Ich habe keine Anweisung, oder Aussprache gehört, die dir eine Berechtigung ausgesprochen hätte!«

»Das ist ja unfassbar! Er hat registriert, was wir gesprochen haben? Amy, ich möchte meine Bewunderung zum Ausdruck bringen. Sprachsteuerung ist mir geläufig, aber der Lion reagiert fast schon intelligent!«

»Ja, hat Mario echt gut gemacht. Deep Learning, oder wie das heisst. Je mehr man mit dem Teil redet, desto mehr lernt es und wirkt immer menschlicher.«

»Verblüffend. Du könntest mir also die Berechtigung einfach so geben, ohne mich im System zu speichern?«

»Klar. Lion, ich spreche gerade mit Waldemar.«

»Waldemar. Okay.«

»Er darf dich einmal entriegeln.«

»Okay.«

Amy schaute Waldemar an.

»Lion, aufsperren!«

Es klickte.

»Ich bin sichtlich überwältigt. Ein Auto mit einem solchen Verständnis habe ich bislang noch nicht erleben dürfen. Um es genauer auszudrücken, ich habe noch nie eine KI mit solch einem Grad an Intelligenz gesehen!«

»Mario eben. Der stopft dauernd irgendwelche Karten in die Kiste. Keine Ahnung, ob es einen Vorteil bringt. In meinen Augen macht das die Karre nur schwerer.«

»Wie drückt es sich bei den Rennen aus? In welcher Hinsicht arbeitet die KI da?«

»Boah, was du Fragen stellst! Es funktioniert, mehr weiss ich eigentlich nicht.«

»Sehr bedauerlich. Es hätte mich wirklich interessiert.«

»Ach ja? Lion, erklär du es!«

»Waldemar, im Rennmodus verarbeite ich die Informationen aus einer Vielzahl von Sensoren. Traktion, Schlupf, Wind, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck, Geschwindigkeit, Leistung des Motors und Beschleunigung. Aus diesen Daten und dem jeweiligen Fahrer berechne ich den optimalen Wert für die Spoiler, dass Fahrwerk und das Gemisch. Dadurch ist es möglich, ein Leistung zu erzielen, die nahe am rechnerischen Optimum liegt!«

»Du siehst mich fassungslos, meine liebe Amy. Dieses Auto ist unglaublich!«

»Ach, was du nicht sagst! Warum ist er denn so gefürchtet?«

»Doch eine Frage ergibt sich aus der Antwort. Warum ist es eine Variable, welcher Fahrer das Auto pilotiert?«

»Lion?«

»Meine Fahrer haben unterschiedliche Fahrstile und verwenden unterschiedliche Einstellungen. Janine fährt besser, wenn sie mehr Flügel hat. Amy braucht hingegen ein straffes Fahrwerk, hohe Motorleistung und ist nur auf den ersten Metern wirklich auf Flügel angewiesen. Rebekka hingegen ist eine Kombination aus Beidem. Das wirkt sich auf die Einstellungen deutlich aus!«

»Eine wirkliche Meisterleistung. Das hat bestimmt sehr lange gedauert, bis die richtigen Einstellungen programmiert waren!«

»Es wurden mir kein Programm für die Fahrer eingegeben. Alle Einstellungen habe ich gelernt!«

»Nun bin ich ein weiteres Mal beeindruckt. Du gabst ihm keinen Befehl, auf meine Aussage zu antworten, liebe Amy.«

»Warum auch?«

»Das heisst, er kann immer auf seine Umwelt reagieren?«

»Klar. Musst mal bei den Wochenenden gucken. Da pfeift er oft Leute zusammen, weil die ihm zu nahe kommen. Wobei, der Lori ist noch schlimmer!«

»Wie darf ich das verstehen? Noch schlimmer?«

»Mario hat die erste richtige KI im Lori eingebaut. Der hat schon viel mehr gelernt als der Lion. Der kann mittlerweile richtig zickig sein.«

»Aber, ist das für Rennwagen denn wirklich notwendig? Das scheint mir übertrieben, liebe Amy!«

»Wenn ich da Mario zitieren darf, es ist nicht notwendig. Schadet aber noch nicht. Ist alles nur Software und die hat kein Gewicht.«

»Da pflichte ich ihm natürlich bei! Ist es denn nicht aber ablenkend, während einem Rennen mit dem Auto sprechen zu müssen?«

»Nö. Während dem Rennen muss man gar nichts sagen. Der Lion macht seine Aufgabe und ich meine. Wir reden nicht, wir fahren. Jeder so gut er es kann.«

»Und wo liegt die Grenze der KI?«

»Lion, was ist der Sinn des Lebens?«

»44!«

»Siehst du, immer die falsche Antwort!«

Waldemar musste schmunzeln. Auch wenn Amy das nicht wusste, es war eine der wenigen Moment in seinem Leben, wo er zu wirklicher Mimik fähig war. Eines war sicher. Waldemar musste diesen Mario auf jeden Fall kennenlernen. Er hatte ja so viele Fragen!

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