Der Einzug

Heinzfort am Bach. Ein grosses, modernes und neues Bürogebäude konnte den Erwartungen seiner Eigner nicht gerecht werden und zog, aufgrund seiner schlechten Lage, viel zu wenig Firmen an. Die Eigner sahen sich genötigt, einige Etagen zu Wohnräumen umzubauen und erhofften sich nun so weitere Einnahmen, um zumindest die Kosten decken zu können. Im zehnten Stock des Gebäudes hatte sich diesen Umstand ein kleines Startup-Unternehmen zunutze gemacht und eine dieser Wohnungen bezogen. Die drei jungen Männer, Perry, Waldemar und Donald, nutzten diese Wohnung einerseits als Wohnfläche, andererseits auch als Büroräume. So sparten sie Miete und konnten das Geld in ihre junge Firma investieren.

Kurz nach dem Jahreswechsel sass Perry an seinem Computer und arbeitete an der Software, welche das Unternehmen gerade am entwickeln war. Seine Kollegen schliefen noch. Perry, mit 169 Zentimeter Grösse und seinen Rettungsringen war der Gründer des Unternehmens und hatte mit seinen beiden langjährigen Freunden den Sprung ins kalte Wasser gewagt. Neugierig ging er zur Tür. Es war Samstag und in aller Regel war das Gebäude dann fast leer und still. Ein Blick durch den Türspion gab das Geheimnis schliesslich Preis. Möbelpacker schleppten Einrichtungsgegenstände in die Wohnung gegenüber. Auf dieser Etage gab es nur zwei Wohnungen und die nebenan war bislang unbewohnt geblieben. Perry war sofort neidisch. Als sie die Wohnung bezogen hatten, mussten sie alles selbst hereinbringen. Möbelpacker konnten sie sich nicht leisten. Wahrscheinlich würde nebenan ein älteres Ehepaar einziehen, die schon längst das erreicht hatten, was er noch erreichen wollte. Reich werden!

Perry ging zurück zu seinem Computer. Er hoffte inständig, dass es nicht dieses alte Ehepaar war, welches sich vor einigen Wochen die Wohnung angeschaut hatte. Er war diesen begegnet, als er gerade aus dem Fahrstuhl stieg. Sie erkannten, dass er hier wohnte und bevor sie sich vorstellten, oder auch nur grüssten, stellten sie sofort Regeln auf, wie es in dem Haus abzulaufen hatte, würden sie sich für die Wohnung entscheiden.

Etwa eine Stunde später kam Donald aus seinem Zimmer geschlichen. Er war Langschläfer, hatte eigentlich keinen Sinn für Arbeit, dafür war er jedoch ein hervorragende Designer, der dem Unternehmen mit unglaublichen Entwürfen schon einiges an Ansehen eingebracht hatte. Ansehen, was nach Perry keineswegs gerechtfertigt war, denn auch wenn seine Zeichnungen wirklich grandios aussahen, die Software war noch weit davon entfernt, auch nur getestet zu werden.

Donald war das krasse Gegenteil von Perry. Er war grösser, hatte einen traumhaften Körper und egal was er auch in sich hinein stopfte, es schien nur noch seinen gestählten Körper weiter zu festigen. Kein Gramm Fett war an ihm zu finden, dabei war er noch unsportlicher als Perry. Das hatte sich herausgestellt, als Perry nach dem Einzug darauf bestand, die Treppen zu gehen. Es wäre schliesslich gut für seine Figur. Donald war einmal mit ihm gegangen und schon im vierten Stock so ausser Puste, dass er doch auf den Aufzug zurückgreifen musste.

»Drüben ziehen Leute ein!«

»Schön. Gibts was zu essen?«

»Nur, was du gestern eingekauft hast.«

Donald öffnete den Kühlschrank in dem Moment, wo Perry ihm die Antwort gab. Ohne hineinzuschauen schlug er die Tür wieder zu. Einkaufen. Das wollte er ja noch machen und hatte es doch wieder vergessen.

»Was sind das für Typen? Doch hoffentlich nicht die Alten, die sich die Wohnung angeschaut haben?«

»Keine Ahnung. Hab nur Möbelpacker gesehen.«

»Möbelpacker? Also haben die Geld. Kein gutes Zeichen!«

Waldemar, der von den Beiden anderen nur Waldi genannt wurde, kam ebenfalls aus seinem Zimmer. Er hatte eine schwache Form des Asperger-Syndroms, was ihn zuweilen etwas skurril erscheinen liess. Sein Körper war so auf einen festen Wochenrhythmus eingestellt, dass man nach ihm die Uhr stellen konnte. Probleme mit der zwischenmenschlichen Kommunikation hatte er nicht, doch konnte er keine Mimik deuten, oder aussenden. Darüber hinaus war er als Kryptograph unschlagbar und für das Team ein echter Gewinn. Auch seine Konzentrationsfähigkeit und sein Erinnerungsvermögen waren überdurchschnittlich. Davon abgesehen war er jedoch dumm wie Bohnenstroh, wie Perry es gerne bemerkte. Alles, was er nicht kannte, war ihm derart fremd, dass er es nicht einmal schaffte, ihre hochmoderne Mikrowelle auf verschiedene Gerichte einzustellen. Erst, wenn er es gezeigt bekam, konnte er es beim nächsten Mal selbstständig durchführen. Einfachste Zusammenhänge fielen ihm unglaublich schwer, was in Zusammengang mit der Kryprographie irgendwie merkwürdig anmutete.

»Waldi, drüben ziehen Leute ein!«

»Perry, erst das Frühstück!«

War eigentlich klar. Wenn Waldemar nicht seinen Tagesablauf hatte, war er nur ein halber Mensch. Er hatte am Vortag für sich eingekauft. Wohl gemerkt, nur für sich! An seine Freunde dachte er nie. Es gab nur ihn und den Rest der Welt. Auch eine Form seines Syndroms.

Nachdem er gegessen hatte, räumte er den Teller und das Besteck säuberlich in den Geschirrspüler, wusch sich die Hände und reagierte dann auf Perrys Kommentar, als hätte er es erst in diesem Moment genannt.

»Ist das dieses entzückende Ehepaar, welches sich kürzlich die Wohnung angeschaut hat?«

»Entzückendes Ehepaar? Die haben mich nicht einmal gegrüsst!«

»Das tut nichts zur Sache. Sie hatten klare Regeln! Davon könntet ihr noch etwas lernen!«

»Nein, ich weiss nicht wer da einzieht. Hab nur Möbelpacker gesehen.«

»Möbelpacker? Hervorragend! Das Zeugt von finanzieller Absicherung. Wahrscheinlich ist es das Ehepaar!«

»Geh doch gucken und back ihnen gleich noch einen Kuchen!«

»Einen Kuchen backen? Wäre das angebracht? In Filmen wird das ja oft beim Einzug gezeigt! Ich kann aber keinen Kuchen backen!«

»Geh einfach gucken. Wenn die das sind, kannst du ja einen kaufen gehen!«

Waldemar stand auf, ging zur Tür und verliess die Wohnung. Er wurde enttäuscht. Weder sah er Möbelpacker, die er aufgrund ihrer Muskeln immer als besonders interessant angesehen hatte, noch war da ein älteres Ehepaar. Nur eine junge Frau. Deutlich grösser als er und sofort hatte er den Eindruck, mit der wollte er nichts zu tun haben. Dummerweise sah sie ihn und kam sofort auf ihn zu.

»Hi! Ich bin Claudia. Wir ziehen gerade hier ein. Du wohnst nebenan?«

Die angebotene Hand ergriff Waldemar nur, weil er es so gelernt hatte. Eigentlich war er kein Freund von Körperkontakt. Seit seiner Kindheit hatte sich der Gedanke in ihm festgesetzt, bei einem solchen Kontakt könnte man ihm seine Seele rauben.

»Waldemar. Ja, wir wohnen nebenan.«

»Wir? Du hast einen Mitbewohner?«

»Entschuldigen sie, aber es ist mir glaube ich entfallen, ihnen das du angeboten zu haben!«

Claudia fand das eigenartig. Der Kerl war doch in etwa in ihrem Alter. Warum der wohl so schräg drauf war?

»Von mir aus. Also, sie haben einen Mitbewohner?«

»Zwei, um präzise zu sein.«

»Oh gut. Einen Moment lang dachte ich schon, es hätte uns in den Urknall verschlagen!«

Vor Waldemar fingen Filme an zu laufen. Das war immer so, wenn sein Kopf versuchte eine Bemerkung zu erfassen, die er nicht verstand. Ihm kam eine Fernsehserie in den Sinn, die recht populär war. Auch die fing damit an, dass eine junge Frau neben die Wohngemeinschaft von zwei jungen Männern einzog. Er verstand.

»Diese Annahme wäre schon dadurch ad absurdum geführt worden, da hier der Fahrstuhl funktioniert.«

Claudia fing an zu lachen. Anscheinend war der Kerl doch nicht so verkehrt.

»Sie sind lustig. Ein gutes Zeichen! Wenn wir fertig eingezogen sind, werden wir euch sicherlich zur Party einladen. Drei Männer neben drei Frauen, da kann schliesslich viel passieren!«

Sie zwinkerte. Waldemar wurde panisch. Gleich drei Frauen? In der Nähe von Perry, der keiner Frau etwas abschlagen konnte? Es würde in einer Katastrophe enden und er sah schon die Firma den Bach runtergehen.

»Ich glaube nicht, dass wir da Zeit haben. Bedauere. Einen schönen Tag noch!«

Waldemar drehte sich um und verschwand schnellen Schrittes wieder in der Wohnung, eine verwunderte Claudia zurücklassend. Donald war neugierig.

»Und? Sind es die Alten?«

»Bedauere. Wie es aussieht, ziehen drei junge Frauen neben uns ein. Eine Katastrophe!«

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