Das Schiff der Ahnen

Tiffany schaute zu ihrer Hand. Da waren keine Schönheitsflecke. Trotzdem verstand sie, was er ihr sagte. Im Vector-Raum war alles perfekt. Aber nicht zu perfekt. Hier konnten die Bewohner auf quasi unbegrenzte Zeit zufrieden sein, bei einem Maximum an Glück. Eigentlich eine wirklich geniale Sache, wäre es nur nicht virtuell gewesen.

»Sagst du mir, wie du uns überhaupt gefunden hast?«

»Ein Mitglied meiner Crew hat uns einen Hinweis über einen Planeten zwischen zwei Sternen gegeben. Wir haben dieses System gefunden, nachgeschaut und hier bin ich.«

»Ich verstehe. Ihr sucht also nach Zivilisationen?«

»Ursprünglich ja. Aber mittlerweile jagen wir eigentlich einer alten Legende hinterher. Es soll ein riesiges Generationenraumschiff geben, welches unbemannt durchs All treibt. Das wollen wir finden.«

Er schien einen Moment nachdenklich.

»Ein riesiges Schiff? Auf welchem Generationen von Lebewesen leben können?«

»Genau. Wir wissen so ganz grob den Kurs, aber jeder neue Hinweis, den uns eine Zivilisation auf dieser Flugbahn geben kann, wäre natürlich hilfreich. Deshalb halten wir immer mal wieder an und fragen nach.«

Wieder schien er nachdenklich.

»Es gibt auch bei uns eine Geschichte über ein unglaubliches Gebilde, welches nah an unserem System vorbei geflogen sein soll. Damals waren wir jedoch noch nicht so hoch entwickelt. Lass mich schnell unsere Archive durchsuchen.«

Neben ihm entstand so etwas wie eine grosse Tafel, die jede Menge Daten anzeigte. Er ging hin, fing an zu wischen, wischte dann weiter, änderte die Richtung und alles in einem Tempo, dass Tiffany kein klares Bild einer Anzeige wahrnehmen konnte. Einige Minuten später schien er fündig.

»Hier. Es gibt Berichte, wie die damals noch sehr primitiven Teleskope ein Objekt ausmachten. Es kam sehr günstig auf unser System zu, so dass wir sogar Sonden losschicken konnten. Wie die Auswertung ergab, handelte es sich nicht um ein natürliches Gebilde, sondern um ein gigantisches Raumschiff mit Platz für ganze Generationen. Die damaligen Wissenschaftler haben dann berechnet, dass dieses Schiff auf einer Kreisbahn um das Zentrum unserer Galaxie unterwegs ist und alle vier Milliarden Jahren unseren Planeten kreuzt. Da man damals noch davon ausging, dass unsere Zivilisation genau bei dem letzten Eintreffen dieses Schiffes entstanden war, gingen schnell viele davon aus, dass unsere Ahnen von diesem Schiff stammten und folglich nannte man es fortan das Schiff der Ahnen.«

Tiffany war überrascht. Damit hatte sie nicht gerechnet.

»Ihr seit also Nachfahren von diesem Schiff?«

»Nein. Je besser unsere Technik und die Forschung wurde, desto mehr zeigte sich, vieles von unseren damaligen Annahmen war falsch. Zwischenzeitlich hatte sich eine ganze Religion um diese Geschichte gebildet. Doch wie sich schliesslich zeigte, unsere Zivilisation war eine gute Million Jahre älter, als wir ursprünglich angenommen hatten. Es gab jedoch eine Katastrophe. Ein kleines, schwarzes Loch hat unser System durchstreift und die Bahn eines unserer Sterne verändert. Dadurch veränderte sich auch die Position unseres Planeten und der Trabant, den wir eins hatten und der für Tag und Nacht sorgte, wurde von einem Stern eingefangen und verschluckt. Die dadurch resultierende Dauerbestrahlung von zwei Sternen hatte das das Ende unserer Zivilisation zufolge. Nur die, die in der Randzone lebten, kamen durch und daraus entwickelte sich schliesslich alles, was wir erreicht haben.«

»Ich verstehe. Aber wie sieht es mit dem Kurs aus. Kannst du dazu etwas sagen?«

»Leider auch nur bedingt. Leider waren die Daten der Begegnung mehr als dürftig, im Vergleich zu dem, was wir Jahrtausende später hätten ermitteln können. Klar ist aber eins. Die Berechnung einst war falsch. Das Schiff bewegt sich nicht zum Zentrum unserer Galaxie und wird auch nie wieder hier ankommen.«

Wieder wischte er, bis er eine Sternenkarte hatte. Unten Rechts war ein Kreis.

»Hier sind wir. Die wahrscheinlichste Position des Schiffes müsste in diesem Bereich sein.«

Tiffany schaute sich das an. Das war schon eine ganze Ecke weg. Sie erkannte die Konstellationen und wenn das alles korrekt war, dann war dieses Gebiet ein gutes Stück abseits von dem, wo Ruug das Schiff vermutete.

»Wie sicher ist das?«

»So sicher, wie die Daten von einst es zulassen.«

Tiffany zeigte auf den Bereich, wo sie das Schiff vermutete.

»Wir gehen davon aus, dass es irgendwo hier sein müsste.«

»Nein. Das halte ich für unmöglich. Wie du siehst, ist meine Angabe nicht wirklich präzise, aber eine solche Fehlberechnung schliesse ich aus.«

»Im Prinzip ist es auch egal. Zur Not grasen wir beide Punkte ab.«

Er wischte wieder und auf einmal tauchten überall grüne und gelbe Kreise auf. Und ein ziemlich dickes, rotes Band mit einer schwarzen, sehr verschnörkelten Linie.

»Überall, wo du die grünen Kreise siehst, wissen wir von Intelligenzen. Einige sind vielleicht auch schon vergangen, aber dort gab es definitiv intelligentes Leben. Vielleicht habt ihr Glück und bekommt von dort präzisere Angaben.«

»Und die Gelben?«

»Auch dort befinden sich Intelligenzen. Jedoch sehr kriegerische. Diese Bereiche sind also mit Vorsicht anzusteuern.«

»Alles klar. Was ist das Rote?«

»Ich würde es ein Problem nennen. In dieser Region gibt es Omgea-Strahlung. Das tödlichste, was wir je erlebt haben. Selbst heute, obwohl seit einigen Millionen Jahren daran geforscht wird, können sich unsere klügsten Köpfe dieses Phänomen nicht erklären. Keine Theorie kann erklären, wo diese Strahlung überhaupt herkommt, was sie ist, oder warum sie überhaupt existiert. Sicher ist nur eins. Man kann sich nicht dagegen abschirmen, egal was man tut. Raumschiffe, egal aus welcher Legierung, fallen darin binnen Sekunden auseinander. Auf atomarer Ebene. Alle Moleküle verlieren ihre Bindung. Selbst die Atomkerne zerfallen einfach. Auch Wasserstoff verliert sein Proton.«

»Toll. Sag das doch gleich! Dann kann dieses Schiff ja auch nicht mehr existieren!«

»Doch.«

Sagte er unberührt, wischte wieder herum und eine weisse Linie erschien. Sie führte von diesem Sternensystem genau auf diese schwarze Linie in dem roten Band und von dort aus zu der Stelle, wo er es vermutete.

»Tatsächlich konnten wir erst, nachdem wir die Flugbahn dieses Schiffes verflogt hatten, den Weg durch die Strahlung finden. Es ist dieser schmale Korridor. Dort herrscht starke Gravitation, welche ein Objekt genau auf diesen sicheren Kurs durch das Band führt.«

»Was ein Zufall!«

Sagte Tiffany und verschränkte die Arme. Das klang dann doch ein wenig zu fantastisch.

»Ich kann deinen Unglaube verstehen.«

Er wischte weiter, bis da ein Text erschien.

»Schau. Hier berieten unsere einstigen Oberhäupter darüber, wie die Forschung in dieser Region weitergehen würde und es zeichnete sich deutlich ab, dass man keine Mittel mehr in diese Region investieren wollte. Die religiösen Fanatiker, wie man sie damals noch nannte, wollten das aber nicht akzeptieren. Sie sagten voraus, dass das Schiff der Ahnen einen Kurs genommen hatte, welche es sicher durch die Strahlung gebracht hatte und man müsse nur eine Sonde auf den gleichen Kurs bringen. Dafür gab es aber weder Beweise, noch ernstzunehmende Theorien. Es war einfach nur Glaube. Sie schafften es immerhin, die Genehmigung für die primitivste aller Sonden zu bekommen. Diese war unglaublich primitiv. Alles was sie konnte war, zu piepen. Das aber so stark, dass man sich auch hinter dem Band noch empfangen konnte. Du kannst dir vielleicht die Überraschung der Wissenschaftler vorstellen, als die Sonde tatsächlich unbeschadet durch das Band kam und dahinter immer noch Daten sendete.«

»Ja, kann ich. Da habe ich dann jetzt nur noch zwei Fragen. Kann ich die Daten irgendwie mit nach draussen nehmen und wie komme ich hier eigentlich raus?«

»Du musst es einfach nur wollen. Genauso, wie du hier auch rein gekommen bist. Wenn du draussen bist, wirst du ein Speichermedium erkennen. Das kannst du an dich nehmen. Alles, was du hier siehst, wird darauf gespeichert sein!«

Dabei zeigte er auf die Karte mit den vielen Kreisen und Strichen. Tiffany nickte. Jetzt musste das nur mit dem wollen noch klappen.

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