Der Vektor-Raum

Gute 30 Minuten machte Casper alles an Tests, die sein Gerät ihm ermöglichte. Er kombinierte auch Untersuchungsmethoden, die im Prinzip totaler Quatsch waren. Schlussendlich war das Ergebnis aber ernüchternd.

»Ich kann sie da nicht rausholen!«

Raschniposa war schockiert.

»Sag doch nicht so was! Wir müssen sie da rausholen!«

Krieger meldete sich über den Kommunikator.

»Würde mir mal bitte jemand erklären, was bei euch da unten los ist?«

Casper erklärte den Sachverhalt.

»Das ist so typisch für sie! Casper, sagen sie mir, was sie brauchen und ich sorge dafür, dass sie alles so schnell es geht bekommen!«

»Ich weiss aber nicht was ich brauche Krieger!«

»Kapitän Krieger!«

»Ja, von mir aus. Das Problem ist, laut meinen Daten hat sich dieses Ding an so ziemlich jede Nervenzelle in ihrem Gehirn verbunden. Ich befürchte, wenn wir sie einfach davon trennen würden, würde sie in ein nicht rückgängig zu machendes Koma fallen, faktisch sterben.«

»Das ist so typisch! Tun sie ihr Bestes!«

Tiffany hatte derweil das Gefühl, durch ein Meer von Farben zu stürzen. Das dauere nicht einmal eine Sekunde, da stand sie auf einmal auf einem traumhaften Planeten. Alles, vom Grün des Grases bis hin zu dem strahlend blauen Himmel war einfach nur perfekt. Als sie dann zu Boden schaute und ihren Körper ins Sichtfeld bekam, erschrak sie.

Sie sah eigentlich nichts, nur eine unglaubliche Oberweite. Dazu war sie in fast schon schillernd roten Stoff gehüllt, der sich anfühlte, wie feinste Seide. Sie fing an, sich so gut es eben ging selbst zu begutachten.

Irgendwas war sehr merkwürdig. Nicht nur, dass sie eine Figur hatte, wie sie sich diese immer gewünscht hatte, nein auch das Kleid, welches sie trug, war schon immer ein Traum für sie gewesen. Dazu noch kniehohe Stiefel mit breitem, hohem Absatz und etwas Plateau fand sie an ihren Füssen. Diese waren so gestaltet, wie Tiffany es als perfekt ansah.

Doch damit nicht genug. Auch ihre Fingernägel waren perfekt. Alle hatten die perfekte Länge und Form, waren knallrot und hatten vorne einen tief schwarzen Rand. Auch das war perfekt.

Eine Untersuchung ihres Kopfes ergab, sie trug riesige, dünne, Creolen und einen fast schon grotesk grossen, vom Gefühl her perfekten Dutt am Hinterkopf.

Wie konnte das sein? Wieso war alles genau so, wie sie es für sich als perfekt ansah? War sie tot?

Unvermittelt hörte sie eine Stimme hinter sich. Was ihr dabei sofort auffiel, sie war kein bisschen erschrocken, obwohl diese Stimme wirklich so überraschend kam, dass sie nicht damit gerechnet hatte. Unbesorgt drehte sie sich um.

Da stand ein Mann. Mindestens zwei Meter gross, perfekt sitzende, blonde Haare, strahlend blaue Augen und ein Körper, der Tiffany eigentlich hätte dahinschmelzen lassen müssen. Doch nein. Erregung verspürte sie nicht.

Als nächstes fragte sie sich, warum der perfektes Deutsch sprach.

»Öhm ja, Hallo. Ich bin ein wenig verwirrt!«

»Dann sind wir schon zwei. Ich habe dich noch nie hier gesehen und ich kenne jeden hier. Du musst neu sein, aber dass ist faktisch unmöglich!«

»Ja, also ganz ehrlich, ich hab keine Ahnung. Ich weiss weder wo ich bin, noch was ich hier mache!«

»Du befindest dich im Vektor-Raum. Das du jedoch nicht weisst, wo du dich befindest, lässt für mich nur den Schluss zu, du bist keine von uns. Darum erkläre mir bitte, wer bist du und wo kommst du her?«

Wenn Tiffany das nur gewusst hätte. Sie war Tiffany, also da liess ihr Gedächtnis sie nicht im Stich. Doch wo sie herkam, damit hatte ihr Kopf ein paar Probleme.

»Mein Name ist Tiffany. Nur wo ich herkomme, da bin ich gerade etwas überfordert.«

»Du musst aus der realen Welt stammen. Doch frage ich mich, wie du den Weg hier her gefunden hast.«

Reale Welt? Tiffanys Kopf fing an, dieses seltsame Puzzle zusammenzusetzen. Da war dieses Wesen, welches mit virtuellen Verbindungen versehen war. Casper hatte die Vermutung aufgestellt, dass sein Bewusstsein irgendwie angezapft wurde und sie erinnerte sich, dass sie den Gedanken hatte, irgendwie mit diesem Wesen Kontakt aufzunehmen. Dann geschah etwas und sie war hier. Langsam formierte sich ein Bild.

»Ja. Ja, du hast Recht! Ich war in einem Raum und habe ein Wesen auf einem nicht realen Sitzmöbel gesehen, in dessen Kopf merkwürdige, nicht reale Verbindungen steckten.«

»Korrekt. Unsere Körper sind an den Vektor-Raum angeschlossen. Also alles das, was du hier siehst. Das erklärt aber nicht, wie du hier her gelangen konntest.«

»Na ja, ich wollte einen Weg finden, mit diesem Wesen zu kommunizieren.«

»Ah, ich verstehe! Also stammst du nicht von unserem Planeten?«

»Nein. Nein, ich bin mit einem Raumschiff hier her gekommen!«

Der Fremde lachte.

»Mit einem Raumschiff? Was für ein Schiff soll das sein? Nichts kommt durch unsere planetare Verteidigung.«

»Da bist du dann aber nicht ganz auf dem Laufenden. Die planetare Verteidigung ist komplett im Arsch. Wir wurden nicht einmal anvisiert!«

Nun lachte der Mann nicht mehr, sondern schien ernst.

»Sollten wir schon so lange hier sein? Die Ingenieure und Wissenschaftler bescheinigten, die Waffen würden mindestens eine Million Jahre wartungsfrei funktionieren.«

Tiffany ignorierte den Kommentar.

»Was ist das hier und was macht ihr hier?«

»Das ist der Vektor-Raum. Unsere Zivilisation war am Ende. Wir hatten alles erforscht, was wir erforschen konnten, hatten alle Planeten besucht, die uns nennenswert erschienen und unsere Technologie ermöglichte es uns, keine Wünsche mehr zu haben. Wir degenerierten. Unsere Regierung hat dann den Plan ersonnen, eine virtuelle Welt für uns zu schaffen, in welche wir unser komplettes Bewusstsein verbinden konnten. Unsere Körper werden derweil versorgt. Zusätzlich sorgt dieses System dafür, dass uns immer neue Interessen beschäftigen. Ein hochrangiger Wissenschaftler kann zum Beispiel Interesse am kochen finden. Ein Maler hingegen Interesse für Musik entwickeln. Wir können auch Fähigkeiten verlieren, um sie wieder neu lernen zu können. Kurz gesagt, unser System erkennt, sobald jemand nicht mehr weiss, was er mit sich anfangen kann und gibt ihm dann neue Aufgaben. Es kommt also nie vor, dass einer von uns nicht weiss, was er machen soll.«

Tiffany war schockiert. Sie hatte doch erst kürzlich eine andere Zivilisation entdeckt, für die es nie den Punkt gab, wo sie genug wissen konnte. Er behauptete jetzt, wie hätten schon alles erforscht?

Dabei fiel ihr noch etwas auf. Sie hatten, seitdem sie sich auf die Suche nach diesem ominösen Raumschiff gemacht hatten, zwei Völker kennengelernt. Beide waren technologisch und intellektuell anschauend um Jahrtausende, wenn nicht gar Jahrmillionen weiter entwickelt als die Menschen. War das etwa normal? Auch die Brass und die Thori waren den Menschen eigentlich technologisch haushoch überlegen. Irgendwie gefiel das Tiffany nicht. Diese Galaxie liess die Menschen so rückständig wirken.

Aber natürlich hatte Tiffany da eine ganz eigene Frage.

»Und wie ist das mit dem Sex hier drin? Davon hast du nicht gesprochen!«

»Ganz hervorragend! Das System sorgt dafür, dass wir immer einen Sexualpartner haben, der unseren Wünschen voll und ganz entspricht.«

»Wie denn das? Werden die künstlich generiert?«

»Aber nein! Doch unser Erscheinungsbild ist nicht statisch. Du nimmst mich anders wahr, als ich mich. Auch ich sehe dich nicht so, wie du dich selbst siehst. Um das zu verdeutlichen. Ich sehe eine athletische Frau vor mir, mit kurzen Haaren, braunen Augen in einem sportlichen, wenngleich elegantem Dress. Was siehst du?«

Tiffany war schockiert. Athletisch? Bei den Möpsen? Tiffany erklärte.

»Siehst du? Für uns hier ist alles perfekt. So sehe ich zum Beispiel auch zwei Schönheitsflecken auf deiner linken Hand. Damit gibt dir das System einen Schönheitsfehler, der mir auffällt. Auf diese Weise wird unser Geist davon abgelenkt, die Perfektion als unwirklich einzustufen und abzulehnen. Auch können wir nicht alle Aufgaben ohne weiteres problemlos lösen.«

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